Interview

Jugendgefährdung durch »Pheromonrausch«?

Pheromone, die hormonähnlichen Stoffe, die wir über die Haut und den Schweiß verströmen, können unser Sozialverhalten erheblich beeinflussen. Sie entscheiden mit über Sympathie und Antipathie und spielen bei der Wahl eines Geschlechtspartners eine Rolle und regen den Fortpflanzungstrieb an. Im Tierreich sind diese Mechanismen dieselben, weshalb Pheromone bei der Schweinezucht in der Massentierhaltung eingesetzt werden, um den Sexualtrieb der Tiere anzuregen. Was ist dran an der Vermutung, dass tierische Pheromone aus dem Schweinestall auch auf den Menschen einwirken und ihn manipulieren können? Wir befragten den Mediziner Dr. Hans-Günther Kugler und den Dipl.-Ing. für Lebensmittelqualität Christoph Michels dazu.

Redaktion: Kann der Mensch von den Pheromonen, die in der Tierzucht eingesetzt werden, tatsächlich beeinflusst werden?

Dr. H.-G. Kugler: Die Pheromone, die man hauptsächlich zu den Steroidhormonen zählt, sind in ihrer chemischen Struktur bei allen Säugetieren ähnlich. Dass Pheromone die »Artgrenzen« überschreiten und Menschen auf die Signalstoffe von Schweinen oder Rindern reagieren, ist deshalb nahe liegend.

Redaktion: Kaum ein erfolgreicher Film kommt ohne Sex aus, in den meisten Medien wird Sexualität ohne Tabus zum Lebenselixier Nummer 1 hochstilisiert. Kann eine derartige »Sexualisierung« der Bevölkerung mit der ständigen Stimulierung durch Pheromone aus der Fleischproduktion und der Kosmetikindustrie zusammenhängen?

Dr. H.-G. Kugler: Aufgrund der vorhandenen Fakten ist dies durchaus möglich, obwohl es keine wissenschaftlich abgestützten Beweise für diesen speziellen Zusammenhang gibt.

Redaktion: Sind nicht gerade junge Leute, deren Hormonhaushalt sich in der Pubertät völlig umstellt, für eine solche Beeinflussung besonders empfänglich? Ist gar ein »Jugendverfall durch Pheromonrausch« zu befürchten?

Dr. H.-G. Kugler: Pheromone sind in der Lage, die Konzentration des Hormons Testosteron zu erhöhen. Und von Testosteron ist bekannt, dass es aggressives und dominantes Verhalten fördert, speziell bei jungen Männern.

Redaktion: Ist denn die Landbevölkerung eher gefährdet, in dieser Weise manipuliert zu werden? Schließlich befinden sich die meisten Mastställe, in denen künstliche Pheromone eingesetzt werden, im ländlichen Raum.

C. Michels: Wenn man davon ausgeht, dass der größte Teil dieser Pheromone in ländlichen Gebieten ausgebracht wird und dadurch die Konzentration von Pheromonen in der Luft, auf den Böden etc. höher ist als anderswo, ist die Bevölkerung dort diesen Stoffen natürlich vermehrt ausgesetzt.

Redaktion: Sind auch Fleischesser eher gefährdet, hormonell beeinflusst zu werden?

Dr. H.-G. Kugler: Mir sind derzeit keine Untersuchungen zum Nachweis von Pheromonen im Fleisch bekannt, und grundsätzlich ist im Bereich der EU die Anwendung von Östrogenen in der Tiermast verboten. Es gibt aber eine große Zahl östrogen-aktiver Umweltchemikalien, die auf den Hormonhaushalt des Menschen wirken wie Östrogene. Diese Umweltgifte lagern sich bevorzugt im Fett von Mensch und Tieren ab und sammeln sich mit der Zeit dort regelrecht an. Wie eine aktuellen Studie der Uni London zeigt, sind diese östrogen-aktiven Umweltchemikalien als Summe durchaus in der Lage, die Hormonkonzentration des Menschen zu verändern. Üblicherweise wird ja bei Chemieunfällen sofort beteuert, dass keine Gefahr für den Menschen ausgeht, wobei hier immer nur der Einzelstoff betrachtet wird. In ihrer Summe der Umweltbelastung liegt ein großes Gefahrenpotential, auch wenn die einzelnen Umweltchemikalien als harmlos eingestuft werden. Prinzipiell sind tierische Nahrungsmittel stärker mit Umweltgiften belastet, da die Stoffe sich im Fleisch der Tiere ansammeln, und das gilt natürlich auch für die hormonaktiven Chemikalien.

C. Michels: Der Mensch ist dann eigentlich das Endlager für sämtliche dieser Umweltgifte, eine Art Sondermülldeponie. Alles, was wir an Schadstoffen in die Natur pumpen oder was wir den Tieren zumuten, kommt irgendwann zu uns zurück, auch die Pheromone...

Redaktion: Im Grunde ist diese Gefahr, durch Pheromone und andere hormonaktive Substanzen aus der Tierhaltung und aus der Kosmetikindustrie im Sexualverhalten manipuliert oder zu aggressivem Verhalten angeregt zu werden, ein Skandal. Warum sind diese Zusammenhänge so wenig bekannt?

Dr. H.-G. Kugler: Im World-Wide-Web gibt es zum Thema Pheromone mehrere Zehntausend Eintragungen. Pheromone werden in der Kosmetikindustrie sehr intensiv vermarktet. Einige Hersteller betreiben auch eine intensive Pheromonforschung. Doch obwohl die Fakten bekannt sind, wird das Gefahrenpotenzial nicht diskutiert. Es scheint niemand ein Interesse daran zu haben, dass diese Zusammenhänge an die Öffentlichkeit kommen.

C. Michels: Höchstens die Eltern, deren Kinder sexuell missbraucht wurden... Denn die wachsende Zahl von Sexualverbrechen ist erschreckend. Wenn jemand eine gewisse Vorprägung hat und ständig den Ausdünstungen der Massentierhaltung mit ihren Lust steigernden Pheromonen ausgesetzt ist – wer weiß, ob da nicht eher die Triebe ungehemmt zum Ausbruch kommen als ohne diese ständige Anheizung.

Dr. H.-G. Kugler: Die Pheromone wirken als Reiz viel subtiler, als beispielsweise Bilder. Sie gehen direkt in den Hirnbereich, in dem die Gefühle und Affekte gespeichert sind und wo die Vernunft und Logik kaum Einfluss haben.

Redaktion: Was müsste geschehen, um Manipulation durch Tierzucht-Pheromone zu verhindern?

Dr. H.-G. Kugler: Zum einen muss das Thema öffentlich diskutiert werden. Die Bevölkerung muss über die Gefährdung informiert werden. Wenn die Gefahren der zunehmenden Pheromonbelastung bekannt sind, kann man entscheiden, ob man das in der Form weiter betreiben will. Ein Lösungsansatz liegt nun mal dort, wo das Problem herkommt: zum Beispiel in der Massentierhaltung. Würden sich mehr und mehr Menschen vegetarisch ernähren – was im übrigen der Gesundheit viel zuträglicher ist –, würden auch die Massentierställe allmählich verschwinden und somit der Einsatz an künstlichen Pheromonen abnehmen.

C. Michels: Es müsste auch ein Verbot pheromonhaltiger Kosmetika erwirkt werden. Dasselbe gilt für ein Verbot von so genannten »Pflanzenschutzmitteln«, die ebenfalls hormonwirksame Substanzen enthalten, z. B. Xenoöstrogene. Im Grunde müsste derselbe Mechanismus in Gang kommen wie in der Tabakindustrie: Auf den Zigarettenpackungen wird vor den gesundheitlichen Gefahren des Rauchens eindeutig gewarnt. Wie wäre es, wenn auf Kosmetikartikeln ein Hinweis aufgedruckt wäre »Die Verwendung dieses Produkts kann das Hormonsystem beeinflussen«? Oder wenn eine solche Warnung auf Fleisch- und Wurstprodukten deklariert wäre?

Redaktion: Muss man warten, bis die Politik einschreitet und von Seiten des Verbraucherschutzes Vorschriften erlassen werden, oder kann sich der einzelne jetzt schon schützen?

Dr. H.-G. Kugler: Man kann natürlich versuchen, Risikofaktoren zu vermeiden: den Fleischkonsum reduzieren oder am besten ganz einstellen und pheromonfreie Kosmetika kaufen. Und allgemein lässt sich sagen, dass man gegen jede Art von Manipulation umso besser geschützt ist, je mehr man sich selbst kennt, das eigene Verhalten erforscht hat und sich charakterliche Vorgaben oder Maßstäbe erarbeitet hat. Wer zielgerichtet lebt, kann nicht so leicht manipuliert werden.

Vielen Dank für das Gespräch! (Silke Dziallas)


Journal Das Friedensreich, Ausgabe Nr. 12/02


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