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Der Strom des Urchristentums – Teil 9: Savonarola »Der wahre Tempel ist des Christen Herz« Kaum eine Gestalt der europäischen Geschichte polarisiert die Gemüter bis heute so wie Savonarola. War er ein mittelalterlicher Fanatiker – oder ein gottbegnadeter Prophet? »Und am 5. November 1494 ernannte man hier fünf Gesandte, von welchen einer Fra Girolamo war, Prediger vom Orden des ´heiligen` Dominicus, Bewohner von San Marco, dem Vaterland nach ein Ferrarese, von dem wir glauben, er sei ein Prophet, und er leugnet es nicht in seinen Predigten, sondern sagt immer ´im Auftrag Gottes`, und er weissagt viele Dinge.« Der schmächtige 42-jährige Mönch Girolamo (Hieronymus) Savonarola, Prior des
Dominikanerklosters San Marco in Florenz, betritt in einem dramatischen
Augenblick die Bühne der italienischen Geschichte, die er für wenige Jahre
mitgestalten wird. Der junge Herrscher des Stadtstaates Florenz, Piero de
Medici, ist soeben von den Bürgern der Stadt verjagt worden, weil er seine
politische Unfähigkeit unter Beweis gestellt hat. Er hat in den Verhandlungen
mit dem französischen König Karl VIII., der im Sturmlauf Italien erobert, nichts
für die Stadt erreicht. Nun soll der Mönch es richten – und er schafft es. In
intensiven Gesprächen mit dem jungen König erreicht er, dass dieser Florenz
verschont. Im Gegenzug verbündete sich die Stadt mit Frankreich. Savonarola war bei diesen Reformen in Richtung auf eine »Halb-Demokratie« (eine umfassende Demokratie wäre unter den damaligen Voraussetzungen wohl noch nicht möglich gewesen) der gefragte Ratgeber im Hintergrund. Sein Hauptanliegen war jedoch die sittliche Erneuerung der Stadt. Was heute nach »moralischem Zeigefinger« klingt, war vor 500 Jahren ein Erfordernis der Zeit. Denn: »Kein christlicher Eiferer vor ihm und keiner nach ihm hat je eine verkommenere Welt und Kirche vorgefunden«, schreibt Erwin Brunner in Die Zeit. Der Mensch der Renaissance kam mit der neu gewonnenen Freiheit nur schwer zurecht: »Die Menschen ergaben sich einer wüsten, aller Beschreibung spottenden Lebensgier« (Walter Nigg). Schon der junge Medizinstudent Savonarola hatte in Bologna den »Zeitgeist« erlebt und beschrieben, der ihn dann zum Eintritt ins Kloster bewog: »Wenn einer nach ernsten Dingen und nach Weisheit strebt, ist er ein Phantast. Wenn er keusch und bescheiden lebt, ist er ein Tor. Wenn er fromm ist, nennt man ihn ungerecht. Wenn er gerecht sein will, gilt er für grausam. Wenn er Gottes Größe verehrt und Glauben hat, ist er von blödem Geist. ... Wer nicht mit verfluchtem Munde schmähliche, grause, entsetzliche Lästerungen auszustoßen weiß, der ist kein Mann.« Leben im göttlichen Kreislauf Savonarolas Botschaft für die Menschen, die fast täglich den Dom füllten, um ihn zu hören, war eine einfache: »Jeder möge also sein eigenes Bewusstsein erneuern, von den Herrschenden angefangen. Jeder möge aus seiner Eigenheit herauskommen und dem Gemeinwohl zustreben. ... Der Egoismus ist ein Zeichen des Verlorenseins. Und solche, die kein Gefühl für ihren Nächsten haben, stehen außerhalb des göttlichen Kreislaufs.« Er ermahnte die Bürger der Stadt, den Luxus und das Wohlleben aufzugeben und statt dessen die Armen zu unterstützen. Er wandte sich gegen das Glücksspiel auf offener Straße, das überbordende Karnevalstreiben und sexuelle Ausschweifungen. »Schmelzt die Kelche ein!« Insbesondere katholische Priester und Mönche, die doch Vorbilder für ein
christliches Leben sein sollten, nahm er aufs Korn: »Sie treiben sich in den
Kneipen herum und huldigen mit ihren Bauern dem Spiele. Sie nehmen Mädchen zum
Tanze mit auf ihr Zimmer, verbringen die Nächte mit schlechten Weibern und
Buben, treten aber am Morgen gleichwohl zum Altare des Herrn. Sie sind dem
sodomitischen Laster (d. h. der Homosexualität) ergeben, vergewaltigen Frauen und
Mägde, ja sogar Kinder.« Auch die Geldgeschäfte der Kleriker waren ihm ein Dorn
im Auge: »Die Zeremonien, die man heute in der Kirche feiert, finden nicht mehr
zu Ehren Gottes statt, sondern um des Geldes willen ... Alle in der Kirche
wollen Einkünfte und Pfründe ... Es gibt keine Gnade des heiligen Geistes, die
man nicht mit Geld erkaufen könnte ... Nur die Armen, sie werden ausgepresst
...« Der Mönch aus Ferrara rief offen dazu auf, »all die überflüssigen Kelche
und Kreuze aus Geld und Silber« einzuschmelzen und den Erlös an die Armen zu
verteilen. Auch die kirchlichen Zeremonien bezeichnete er als wirkungslos,
solange nicht eine innere Umkehr und Änderung des Lebens damit einherginge.
»Gott muss man suchen, nicht prächtige Tempel. Der wahre Tempel ist des Christen
Herz.« Savonarola ließ keinen Zweifel daran, dass nach seiner Überzeugung Gott
ihn als Propheten erwählt habe, auch wenn er sich anfangs – wie alle Propheten –
dagegen gewehrt hatte. Christus, so berichtete er der Gemeinde, habe ihm
sinngemäß gesagt: »Unter Berücksichtigung des Geistigen müssen auch jene Dinge
aufgebaut werden, die den Geist bewahren und nähren, und jene Dinge, mit denen
der Geist regiert. So soll es in Florenz geschehen, damit diese Stadt gut wird.
Es soll ein Staat aufgebaut werden, der das Gute bewahrt, wenn die Stadt Florenz
gut sein will.« Es ging um eine Erneuerung »der christlichen Lebensführung,
welche sich durch die Gnade des heiligen Geistes auf dem ganzen Erdkreise nach
dem Muster der apostolischen Urzeit verwirklichen soll«. Zum Herrscher von
Florenz wurde folgerichtig Christus selbst ausgerufen. Unter Seiner Führung
sollte es gelingen, den inneren Frieden zu finden, die drohenden Umwälzungen und
apokalyptischen Gefahren zu überstehen und als Gemeinwesen zu neuer Blüte zu
gelangen. Tatsächlich erreichten Krieg, Hungersnot und Pest noch zu Lebzeiten
Savonarolas die Stadt. »Scheiterhaufen der Eitelkeiten« Man hat diese Jugendlichen im historischen Rückblick als »Kinderpolizei«
bezeichnet, und die Regentschaft Savonarolas als »Diktatur Gottes« (Ernst
Piper). In der Tat kann man Denunziation und moralischen Druck schwerlich als
christlich ansehen. Und so manches an den Vorgängen in Florenz, soweit sie uns
überliefert sind, befremdet uns heute. Eine »Diktatur« im heutigen Sinn war es
allerdings schon deshalb nicht, weil – aufgrund der alle zwei Monate neu
erfolgenden »Urwahl« durch die Vollversammlung der wahlberechtigten Bürger –
Befürworter und Gegner Savonarolas einander in der Stadtregierung immer wieder
abwechselten. Doch weshalb wurden z. B. zweimal (1497 und 1498) am Ende der
Fastenzeit Karnevalsgegenstände wie Perücken und Masken, Spieltische, frivole
Kleider, ja sogar Musikinstrumente auf einem »Scheiterhaufen der Eitelkeiten«
verbrannt? Solches gilt bis heute als Inbegriff mittelalterlicher Intoleranz und
Kunstverachtung. Doch der Historiker Ernst Piper, Savonarola gegenüber durchaus
kritisch eingestellt, entlastet ihn: »Jedenfalls besteht heute weitgehende
Einigkeit, dass kaum etwas wirklich Wertvolles bei diesen Verbrennungen
vernichtet wurde.« Auch waren derartige Schauspiele keine Erfindung des Mönchs,
sondern seinerzeit durchaus üblich, etwa in Nürnberg, wo »sechs große Wagen
nötig (waren), um alles zusammenzufahren. ... Diese Verbrennungen und noch mehr
die damit verbundenen Prozessionen hatten die Funktion, das emotionale Vakuum,
das der nunmehr verbotene Karneval hinterlassen hatte, auszufüllen.« Sie waren
im speziellen Fall von Florenz auch eine Reaktion auf ständige Angriffe der
Gegner Savonarolas, vor allem der »Dreckskumpane« (compagnacci), einer Gruppe
adeliger Lebemänner, die mit derben Streichen (z. B. einen Eselskadaver auf die
Domkanzel zu bringen) die neue Harmonie zu stören versuchten. »Eine völlig zu Feuer und Flamme gewordene Persönlichkeit« Das tat dem spirituellen »Ruck«, der durch die Stadt ging, jedoch keinen
Abbruch. »Die Zeitgenossen beklagen sich denn auch kaum je einmal über die neuen
Zustände in der Stadt. Erst die späteren >Moralisten< malen ein düsteres Bild
von den >reformerischen< Jahren in Florenz«, so der Kirchenrechtler und
Soziologe Prof. Horst Herrmann. »Tatsächlich war die Stadt selten vorher so
glücklich gewesen«, schreibt der Kulturhistoriker Will Durant. Selbst
Intellektuelle wie Pico della Mirandola und Künstler wie Botticelli und
Michelangelo waren von der Persönlichkeit und dem Auftrag des asketischen
Mönches beeindruckt. Der Historiker Jacob Burckhardt nennt ihn, obwohl kritisch
eingestellt, eine »völlig zu Feuer und Flamme gewordene Persönlichkeit.« »Da war
kein Raum mehr für Konzilianz und Kompromisse, die wir so gern mit Gott
schließen, um uns über den wahren Ernst unseres Erdendaseins
hinwegzuschwindeln«, ergänzt der Anwalt Christian Sailer. Der evangelische
Theologe Prof. Walter Nigg kommt zu dem Schluss, man werde »nicht um die
Schlussfolgerung herumkommen, dass in Florenz nicht ein politisierender Mönch,
wohl aber ein wirklich von Gott gesandter Prophet verbrannt worden ist.« Und der
Kirchenrechtler Prof. Horst Herrmann, der später aus der katholischen Kirche
austrat, schrieb: »Der Frate schöpft jedenfalls aus einem recht tiefen Brunnen.« Die Chance wurde nicht genutzt Der »Ketzer von San Marco« war im strengen Sinne gar kein Ketzer, denn er
leugnete die Lehre der Kirche nicht – hätte er das getan, so hätte die Kirche
viel kürzeren Prozess mit ihm gemacht. Er deutete an, dass er noch
Weitergehendes zu sagen hätte, doch er behielt es wohlweislich für sich. Er
zeigte auf, was möglich wäre, wenn man die Wahrheit, die – trotz aller
Widersprüche und Fälschungen – auch in der Bibel, vor allem bei den alten
Propheten, zu finden ist, ernst nimmt und in die Tat umsetzt. Damit wäre es
möglich gewesen, die Institution Kirche von innen her aufzulösen und zu erneuern
– zumindest noch zur damaligen Zeit. Der katholische Theologieprofessor Joseph
Schnitzer stellte zu Beginn des 20. Jahrhunderts fest: »Mit Savonarola schlug
die letzte Stunde für eine rechtmäßige Reform der Kirche.«
Die Serie "Verfolgte Gottsucher": Literatur:
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