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Der Beginn einer neuen Entwicklung Tierfreundliche Schuhe ohne Leder Während die Anzahl der
Vegetarier in der Gesellschaft ständig wächst, fällt allmählich auch das
Augenmerk auf ein Produkt, das manchem als »Abfallprodukt der Fleischindustrie«
erscheint. Es geht um Leder, das in 80 % der Fälle aus der Haut von
geschlachteten Rindern stammt, welche in Gerbereien meist mit Hilfe zahlreicher
Chemikalien in Leder umgewandelt wird. Interview mit Markus Kohlprath, Geschäftsführer von »Cosmo Viva« Das Friedensreich: Herr Kohlprath, wenn ich heute in einem Schuhgeschäft nach einem Schuh ohne Leder frage, was wird mir angeboten? Markus Kohlprath: Bei Schuhen guter oder mittlerer Qualität – so weit
mir bekannt ist – nichts. Im Billigbereich gibt es Schuhe aus Fernost, die aus
synthetischen Ersatzstoffen produziert wurden, von denen man jedoch weder von
den Trageigenschaften noch von der Haltbarkeit her viel erwarten darf. Es gibt
allerdings einige lederfreie Sport- und Freizeitschuhe z. B. aus Hanf bzw. Leinen
und Synthetik. Das Friedensreich: Wie ist es gekommen, dass ein kleiner Einzelhändler wie Sie auch zum Schuhproduzenten wurde? War Ihnen das schon von Anfang an klar, dass Sie selbst tätig werden mussten? Markus Kohlprath: Nein, am Anfang nicht. Nachdem ich mich aber aus
eigenem Interesse und auf Grund vieler Kundenanfragen auf die Suche nach
lederfreien Schuhen gemacht hatte, musste ich feststellen, dass es das Produkt,
das ich für das Sortiment unseres Schuhladens wollte, auf dem Markt gar nicht
gibt. So blieb mir gar nichts anderes übrig, als selbst aktiv zu werden. Das Friedensreich: Warum stießen Sie auf so viele Schwierigkeiten? Haben Sie nicht eine Marktlücke gefunden? Markus Kohlprath: Die Nachfrage nach unserem Modell steigt stetig. Aber man muss natürlich am Anfang bereit sein, ein gewisses Risiko einzugehen. Das wollte trotz Interesses an der Idee sonst niemand übernehmen. Man fragte mich, ob es denn einen sicheren Markt für diesen Schuh gäbe. Ob es sich also lohnt, den Schuh in größerer Menge zu produzieren. Und ob es schon verlässliche Zahlen von zukünftigen Abnehmern gibt. Und diese Statistiken konnte ich natürlich nicht liefern. Ich hatte ja nicht so sehr ein wirtschaftliches Interesse an dem Schuh, sondern vor allem ein ethisches. Das Friedensreich: Könnten Sie das ethische Motiv noch etwas näher erläutern? Markus Kohlprath: Ich bin seit ca. sechs Jahren Schuh-Einzelhändler und seit ca. 15 Jahren Vegetarier aus ethischen Gründen, und ich lehne jede Form des Tötens und Quälens von Tieren zum Wohlergehen des Menschen ab. Ich wünsche mir eine Welt ganz ohne Schlachthäuser, die, wie ich glaube, auch kommen wird. Dann bedarf es aber auch einer Alternative zum Lederschuh, da Leder dann ja nicht mehr in diesen Riesenmengen zur Verfügung steht. Und angesichts des Leides der Tiere in den Schlachthäusern ist es für diese Alternative allerhöchste Zeit. Man kann sich in diesem Zusammenhang auch einmal klar machen: Die weichen, bequemen Leder, die man bei Schuhen so liebt, stammen meist von geschlachteten Kälbchen. Das Friedensreich: Aber müsste die Industrie nicht grundsätzlich dazu in der Lage sein, bei der Schuhproduktion einen Ersatzstoff für Leder zu verwenden? Markus Kohlprath: Sie könnte schon. Allerdings ist die Verflechtung der großen Industriezweige Schlachthaus, Gerberei und Schuhproduktion so intensiv, dass kein Zweig ohne den anderen existieren kann und will. Die Produktionsprozesse sind genau aufeinander abgestimmt. Während der zahllosen Tierverbrennungen bei der letzten Maul- und Klauenseuche gab es z. B. auf Grund der Lederverknappung eine Krise in der Branche, die bis zu den Einzelhändlern spürbar war. In dieser Zeit wurden verstärkt Synthetik-Materialien für die Schuhherstellung verwendet. Doch Leder gilt leider immer noch als »das Qualitätsprodukt« schlechthin. Denken Sie nur an das Qualitätssiegel »Echt Leder«. Umgekehrt wird bei anderen Materialien oft der Eindruck vermittelt, diese seien minderwertiger, obwohl das nicht unbedingt stimmt. So ist aber in der Zwischenzeit wieder alles beim Alten. Es gibt sogar wirtschaftlich erfolgreiche, große Schuhhersteller im Ausland, die ihre eigenen Viehherden direkt neben ihrem Schlachthaus, der Gerberei und der Schuhfabrik stehen haben. Die verdienen dann am Fleischverkauf auch noch mit. Das Friedensreich: Sie haben das Thema »Qualität« angesprochen. Wie ist jetzt etwa die Qualität Ihrer Marke »Cosmo Viva« im Vergleich zu den bisher gewohnten Lederschuhen, z. B. wenn man an das bequeme Laufen denkt oder an die Haltbarkeit? Markus Kohlprath: Die Schuhe haben keinen Nachteil gegenüber Leder, z. T. sogar Vorteile. Sie sind leicht und angenehm zu tragen und außerdem sehr pflegleicht: Einfach feucht abwischen, und sie sehen wieder aus wie neu. Sie sind auch sehr praktisch bei Nässe und Schmutz und es bleiben keine Wasserflecken zurück. Ich sehe es als unsere Aufgabe, hier für einen Bewusstseinswandel zu sorgen und Menschen die Möglichkeit zu geben, qualitativ hochwertige und zugleich tierfreundliche lederfreie Schuhe erwerben zu können. Das Friedensreich: Aus welchen Materialien ist Ihre Schuhmarke? Markus Kohlprath: Wir verwenden hochwertige, atmungsaktive Synthetik- bzw. Microfaser-Materialien für das Obermaterial und die Laufsohle. Und bei der Decksohle im Inneren des Schuhs und beim Futter versuchen wir, wo es möglich ist, natürliche Textilstoffe zu verwenden. Das Friedensreich: Ist die herkömmliche Schuhherstellung nicht auch umwelt- und gesundheitsgefährdend? Markus Kohlprath: Ja, man hat z. B. eine Häufung von Leukämie-Fällen in der Nähe von Gerbereien festgestellt, und 50 % der Hodenkrebs-Erkrankten sind Gerber. Das hängt vermutlich mit der Vielzahl von Chemikalien zusammen, die beim üblichen chemischen Gerbvorgang eingesetzt werden, v. a. Chrom, aber auch Quecksilber, Arsen, Blei sowie Färbemittel auf der Basis von Cyanid u. v. m. Diese Stoffe gelangen übrigens über die Industrieabwässer auch in die Umwelt. Von daher ist es kein Wunder, dass so mancher Mensch auf Leder allergisch reagiert. Bei der Herstellung von hochwertigen Synthetik-Materialien werden demgegenüber keine solchen Giftstoffe verwendet. Das Rohmaterial kann sehr genau dosiert werden, und der Wasserkreislauf beim Herstellungsprozess bleibt geschlossen, es gibt also keine giftigen Abwässer. D. h., die Materialien sind oftmals gesünder und weisen – wie man fachmännisch sagt – eine bessere Ökobilanz aus. Das Friedensreich: Sie verkaufen in Ihrem Laden jedoch auch weiterhin Lederschuhe? Markus Kohlprath: Cosmo Viva ist ja neben den britischen Vegetarian
Shoes europaweit erst ein kleiner Anfang für die neue Entwicklung, vielleicht
sogar für eine neue Ära. Und wir sind schon ganz gespannt darauf, was sich noch
alles ohne Tierleid entwickeln lässt, und wir versuchen dabei, direkt am
Pulsschlag der Forschung zu sein. |
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