Urchristentum

Waren Jesus von Nazareth und die frühen Christen Vegetarier?

Europaweit für Aufsehen sorgen derzeit Plakataktionen der Glaubensgemeinschaft Universelles Leben, durch die Menschen aufgefordert werden, kein Fleisch mehr zu essen. Das Universelle Leben beruft sich dabei auf Jesus von Nazareth. Wir interviewten den Pressesprecher des Universellen Lebens, Dr. Christian Sailer, und befragte ihn zu den Hintergründen der Plakataktion.

I n t e r v i e w  mit Dr. Christian Sailer, Pressesprecher des Universellen Lebens

  • Warum halten Sie es für wichtig, ob wir vegetarisch leben oder Fleisch essen?

    Wenn wir Fleisch essen, beteiligen wir uns an einem blutigen Massaker. Dessen Opfer sind Lebewesen, die uns treuherzig anschauen und Freude und Schmerz empfinden, solange sie leben. Auf ihrem Todesmarsch in unsere Küche erlitten sie unsägliche Qualen – in den engen Gefängniszellen der industriellen Massentierhaltung, auf endlosen Tiertransporten und schließlich in den Schlachthäusern, in denen sie unter ohrenbetäubenden Angstschreien umgebracht und oft nur halb betäubt zerlegt und zu den Leichenteilen verarbeitet werden, die schließlich auf unseren Tellern landen. Während wir unseren Braten verspeisen, verdrängen wir dessen blutige Vorgeschichte, damit uns nicht der Appetit vergeht.
    Immer mehr Zeitgenossen fragen sich, ob dieser Blutrausch des Menschen gegenüber den Tieren mit christlicher Ethik und Moral vereinbar ist. Die Frage wurde lange verdrängt, weil die Kirche den Tieren die Seele abspricht. Die Tiere werden nach dem katholischen Katechismus noch heute als Ware behandelt; es ist ihnen keine mitmenschliche Liebe entgegenzubringen und sie dürfen bei Tierexperimenten gequält werden.

  • Was lehrte Ihrer Meinung nach Jesus von Nazareth zum Umgang des Menschen mit den Tieren?

    Das ist in der Tat die entscheidende Frage. Leider ist nicht alles, was Er gelehrt hat, in der herkömmlichen Bibel aufgeschrieben worden. Sie entstand bekanntlich Jahrzehnte, nachdem Jesus gelebt hatte, und enthält das, was vom Hörensagen überliefert worden war und den Autoren der Bibel wichtig erschien. Hinzu kommt, dass die offizielle Bibel nur eine Auswahl der zahllosen Schriften darstellt, die in den ersten Jahrhunderten nach Christus entstanden sind. Einer der frühesten und besten Kenner der vielen Berichte über das Leben des Nazareners, der Kirchenvater Hieronymus, der Ende des 4. Jahrhunderts die erste Gesamtausgabe einer lateinischen Bibel herausgab, sagte einmal zum Thema Vegetarismus: »Der Genuss des Tierfleisches war bis zur Sintflut unbekannt; aber seit der Sintflut hat man uns die Fasern und die stinkenden Säfte des Tierfleisches in den Mund gestopft ... Jesus Christus, welcher erschien, als die Zeit erfüllt war, hat das Ende wieder mit dem Anfang verknüpft, sodass uns jetzt nicht mehr erlaubt ist, Tierfleisch zu essen ...« So sahen es auch viele Apostel, die Vegetarier waren, z. B. Petrus und Johannes, und Jakobus, der Bruder des Herrn, der nach der Kreuzigung Jesu zum Leiter der Urgemeinde wurde.

  • Wie lebte Jesus selbst?

    Eine andere als eine vegetarische Lebensweise wäre mit der Lehre des Nazareners kaum vereinbar gewesen. Kann man sich vorstellen, dass der Lehrer der Friedfertigkeit und Barmherzigkeit diese Barmherzigkeit auf die Menschen beschränkt und die Tiere davon ausnimmt? Kann man sich vorstellen, dass Seine Warnung »Wer zum Schwert greift, kommt durch das Schwert um« das Schlachtmesser der Metzger ausnimmt? In Schriften, die nicht in den offiziellen Kanon der Bibel aufgenommen wurden, aber für die frühen Christen genauso wichtig waren, wurde berichtet, wie Jesus von Nazareth Grausamkeiten gegen Tiere verurteilte. Es handelt sich um die so genannten Petrus-Akten, wie es in der theologischen Fachsprache heißt. Am deutlichsten kommt die Tierliebe Jesu in der lange verborgenen Schrift »Das Evangelium des vollkommenen Lebens« zum Ausdruck, das Anfang des vorigen Jahrhunderts von dem Engländer Ousley publiziert wurde. Dort wird berichtet, dass Jesus gefangene Vögel frei ließ, Pferdeschänder zur Ordnung rief und Kameltreiber ermahnte, Tiere nicht zu schlagen, sondern sie wie Brüder zu behandeln. Jesus sagte zu einem dieser Kameltreiber: »Hat nicht derselbe Gott aus dem gleichen Stoff dieses Tier geschaffen und deine Kinder, die dir dienen, und habet ihr nicht denselben Atem beide von Gott empfangen?«

  • Dieser Text, den Sie als Das Evangelium des vollkommenen Lebens erwähnen, ist nicht allgemein bekannt. Oder?

    Das ist richtig. Aber dieser Text wird gegenwärtig weltweit bekannt. Denn an diese Schrift knüpft auch der Gottesgeist an, Der sich in unserer Zeit erneut durch Prophetenmund offenbart. In der großen Christus-Offenbarung Das ist Mein Wort wird detailliert über das Leben und die Lehre des Nazareners berichtet. Dort findet sich auch vieles wieder, was bei der offiziellen Bibel unter den Tisch gefallen ist. Interessanterweise wird in dieser Christus-Offenbarung auch über das Passahmahl berichtet, das Jesus von Nazareth vor Ostern mit Seinen Aposteln hielt. Dabei erfahren wir interessante Neuigkeiten: z. B. dass Jesus keineswegs angeordnet hat, ein Lamm zu schlachten, sondern dass Ihm Teile eines zubereiteten Lammes als Geschenk überreicht wurden und dass Er dieses Gastgeschenk aus Höflichkeit nicht zurückweisen wollte. Des weiteren sagt der sich heute offenbarende Christus-Gottes-Geist über Sein Wirken als Jesus von Nazareth: »Ich unterwies die Meinen: Der Mensch soll kein Tier mutwillig töten und auch nicht das Fleisch von Tieren verzehren, die zum Fleischverzehr getötet wurden.« Gleichzeitig wird darauf hingewiesen, dass man niemanden vor den Kopf stoßen und intolerant behandeln sollte, sondern in allgemeiner Form darauf hinweisen sollte, dass es mit den Gesetzen Gottes nicht vereinbar ist, Tiere zu essen, damit auch der Gastgeber eines Tages zu dieser Einsicht kommt – aus freien Stücken und ohne Zwang.

  • Wenn Jesus von Nazareth dies gelehrt hat, wie ist es dann möglich, dass nicht alle Christen Vegetarier sind?

    Die friedfertige Lehre des Nazareners ging unter, als das Christentum unter Kaiser Konstantin zur Staatsreligion wurde: Nun war sowohl der Pazifismus als auch der Vegetarismus verpönt. Man musste in den Krieg ziehen und musste Fleisch essen, wenn man nicht von Staat, Gesellschaft und Kirche ausgeschlossen werden wollte. Diese furchtbare Tradition hat sich bis heute erhalten und das Gewissen der Christen verdorben. Jesus von Nazareth verkündete: »Sehet, Ich mache alles neu.« Die Kirche sagte seit Konstantin: »Wir lassen lieber alles beim alten.« Im Gegensatz dazu sagen wir Urchristen heute im Namen der Tiere, die uns treuherzig anschauen: »Was Augen hat, essen wir nicht« und die Tiere rufen uns zu: »Lasst uns leben!«
    Die Menschheit steht vor einem Evolutionsschritt, vor einer Kulturwende. Leonardo da Vinci, der bereits in jungen Jahren zum Vegetarier wurde, sagte zu Recht voraus, dass das Verspeisen von Tieren eines Tages genauso verurteilt werden wird wie der Kannibalismus. Und der große russische Schriftsteller Leo Tolstoi stellte fest: »Solange es Schlachthäuser gibt, wird es immer auch Schlachtfelder geben.« Wenn wir unserer Verantwortung als Christen gerecht werden und eine friedlichere Welt schaffen wollen, dann müssen wir nicht nur den Krieg unter den Menschen, sondern auch das Blutbad gegenüber den Tieren beenden. Dazu kann jeder beitragen, indem er seine Lebensweise ändert und immer weniger Fleisch ist, und am Ende ganz darauf verzichtet.

Mehr zum Thema auch in Das Friedensreich, Ausgaben Nr. 6/2001, 8/2001, 12/2001 und 5/2002. Bzw. zusammengefasst in der Schrift Der Theologe, Ausgabe Nr. 7: Jesus und die ersten Christen waren Vegetarier


Journal Das Friedensreich, Ausgabe Nr. 6/03


Copyright © Verlag Das Weisse Pferd, Max-Braun-Straße 2, 97828 Marktheidenfeld, Fax: 09391/504-210
http://www.das-weisse-pferd.com - E-Mail: info@das-weisse-pferd.com


Fernsehtipp
: http://www.erde-und-mensch.tv/de/
 

Hit Counter