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Die Bienen
als eigenständige Wesen respektieren
Interview
mit Hermann Glas,
Imker auf den Höfen des Friedfertigen Landbaus
Seit 20 Jahren betreiben Urchristen im Raum
Würzburg "Friedfertigen Landbau", also eine Landwirtschaft im Einklang mit
der Natur und mit Respekt vor allen Lebensformen. Dazu gehören auch
Bienen, um die sich seit vielen Jahren der erfahrene Imker Hermann
kümmert.
Frage: Hermann, es war nicht ganz einfach, einen
Interview-Termin zu bekommen. Die Bienen halten dich wohl ziemlich auf
Trab?
Hermann Glas: Die haben derzeit einen sehr hohen Schwarm-Drang.
Was heißt das?
Die Bienenvölker sind rasch gewachsen. Sie teilen
sich, es kommt zum Schwarm. Der Schwarm ist die natürliche Vermehrung, das
Wachstum gemäß der Naturgesetze. Die Bienen bilden neue Völker. Ich habe
den Eindruck, sie wollen die Verluste des Frühjahrs rasch wieder
auffüllen.
Hattet ihr hohe Verluste?
Nicht allzu hohe. Der Gesamtausfall beläuft sich
unter dem Strich auf ca. 25 %. An zwei von unseren drei Standorten
hatten wir fast keine Verluste, nur an einem Platz hatten wir stärkere
Ausfälle. Dort waren Jungvölker, also Völker mit jungen Königinnen,
eingewintert, die frühzeitig das Brutnest angelegt haben. Im Januar wurde
schon fleißig gebrütet; im Februar kam dann die Kälteperiode mit 10 Grad
minus und mehr. Im Brutnest sind 35 Grad erforderlich. Somit mussten die
Bienen ein Temperaturgefälle von ca. 45 Grad auffangen. Dabei haben sich
die Völker regelrecht verausgabt. Die Folge war eine Darmerkrankung, die Nosema.
Aber durch die Milbe hattet ihr keine
Probleme?
Die Varroa-Milben sind in jedem Bienenvolk zu
finden. Es ist nur die Frage, wie man damit zurechtkommt. Die Milbe saugt
das Blut der Bienen, was diese naturgemäß schwächt. Ich schätze, das ist
die Hauptursache für die enormen Ausfälle überall. Um die Milbe in Schach
zu halten, behandle ich die Bienenvölker vor der Winterauffütterung drei-
bis viermal mit 60-prozentiger Ameisensäure. Das schwächt die Milbe im
Vorfeld. Nach der Auffütterung behandle ich mit Duftstoffen aus
Kräuter-Ölen. An den Duftstoffen berauschen sich die Milben, was die
Fortpflanzung stark einschränkt.
Womit könnte es zusammenhängen, dass sich
die Verluste auf den Höfen des Friedfertigen Anbaus im Rahmen halten?
Es wird ja viel über die Ursachen des
Bienensterbens spekuliert, diskutiert und geschrieben. Manche nehmen an,
dass das Immunsystem der Bienen generell geschwächt ist durch
Umwelteinflüsse, auch durch die Milbe. Dann kommt das Problem mit dem
Nahrungsangebot hinzu, das sich durch Rodungen von Hecken usw. stark
verringert hat. Bei uns haben die Bienen es gut, weil wir Hecken anlegen,
weil wir die Wiesen wachsen und blühen lassen, weil wir Wiesen und Felder
weder düngen noch spritzen. Wir nutzen das Brachland, das bei der
Dreifelderwirtschaft anfällt, um Bienenweide auszusäen, z. B. das Tübinger
Samengemisch mit sieben verschiedenen Trachtpflanzen. Natürlich verwenden
wir auch sonst keinerlei chemische Stoffe bei der Imkerei. Vor allem ist
es aber wichtig, die Bienen als eigenständige Wesen, als Teil der
Schöpfung zu respektieren, also wesensgerecht mit ihnen umzugehen. Ich
nehme mir viel Zeit für die Bienen. Vor allem ist ein ruhiges und
sorgfältiges Arbeiten mit ihnen erforderlich.
Und die Bienen wissen das zu schätzen?
Ich brauche jedenfalls kaum noch Schutzkleidung,
wenn ich bei den Bienen arbeite. Ich habe nur ein Pfeifchen zum Blasen, um
etwas Rauch um mich zu verbreiten. Gesichtsschutz verwende ich nur bei
längeren Arbeiten am Bienenvolk oder wenn ich einen Schwarm berge, also
einfange.
Was wäre eigentlich, wenn es keine Bienen
und Imker gäbe? Würden dann Wildbienen oder andere Insekten die Aufgabe
des Bestäubens, z. B. von Apfelbäumen übernehmen?
Das kann ich mit einem klaren »Nein« beantworten.
80 % aller Pflanzenarten sind bei ihrer Vermehrung auf Bestäubung
angewiesen – und wiederum ca. 80 % dieser Arten werden
ausschließlich von Bienen bestäubt. Wildbienen und andere Insekten gäbe es
viel zu wenige, um die vielen Früchte hervorzubringen, die der Mensch
angebaut hat. Es gäbe dann viel weniger Obst, und das wenige wäre kleiner
gewachsen oder teilweise verkümmert. Seit 1977, als die Varroa-Milbe
eingeschleppt wurde, sind der Bestand an Bienen und auch die Anzahl von
Imkern drastisch zurückgegangen. Dies müsste uns eigentlich Anlass zu
großer Sorge geben.
Manche sagen ja, es wäre Ausbeutung, den
Bienen den Honig wegzunehmen.
Bei uns ist die Imkerei nicht auf Profit
ausgerichtet. Doch gibt es je nach Nektarangebot genug Honig, der einfach
übrig ist. Die Bienen nehmen ja keinen Urlaub. Und sie haben von Natur aus
eine Sieben-Tage-Woche. Eine Bienenwohnung besteht aus mehreren Etagen mit
»Magazinen«. Im unteren und zweiten Magazin befindet sich der Brutraum.
Dagegen wird der Honig in den oberen Etagen eingelagert. Ist der für den
Honig vorgesehene Raum gefüllt, dann lagern die Bienen ihren Honig im
Bereich des Brutnestes ein. Damit würde der Königin aber die Möglichkeit
genommen, viele Eier zu legen – die Anzahl der Arbeitsbienen schwindet.
Deshalb entnehmen wir aus dem Honigraum Waben mit reifem Honig und
schleudern diesen. So wird dort wieder Platz geschaffen und das Brutnest
kann sich wieder ausweiten für ausreichend Nachwuchs. Die Bienen geben uns
von dem überschüssigen Honig gerne. Ich bin sicher, sie wollen damit den
Menschen einen Dienst leisten.
Vielen Dank für das Gespräch! |