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Menschenströme kehren sich um – warum? Die große Völkerwanderung Nur die großen Unglücke schaffen es noch in die Schlagzeilen. Zum Beispiel der Untergang eines mit 250 Passagieren völlig überladenen Flüchtlingsbootes vor der tunesischen Küste. Nur rund 40 Schiffbrüchige konnten von der Küstenwache gerettet werden. In der Woche zuvor waren 70 Menschen ertrunken – ebenfalls bei dem Versuch, illegal die Küste Italiens zu erreichen. Solche Katastrophen sind vorprogrammiert. Die Boote sind nicht
nur hoffnungslos überladen. Sie sind auch meist rostzerfressen und klapprig –
gerade recht für ihre buchstäblich letzte Fahrt? Denn die Schleuserbanden, die
mit den Flüchtlingen das große Geschäft machen, haben das Schiff schon
abgeschrieben und in den Preis mit eingerechnet. Sie werden es nicht wieder
sehen.
Denn wenn es nicht untergeht, wird es am Zielort beschlagnahmt. Andere wählen den Landweg und laufen Gefahr, in einem Container oder im Tankbehälter eines Lastwagens zu ersticken, wenn etwa an der Grenze kurzzeitig die Lüftung abgestellt wird. Im Juni 2000 fand man im englischen Dover 58 erstickte Chinesen in einem Lastwagen. Nur wenige schaffen es bis Europa Versuchen hier die Ärmsten der Armen in die Festung der Reichen, die »Festung Europa«, hineinzukommen? Das ist nicht ganz so. Denn wer es bis nach Europa schafft, gehört in seinem Herkunftsland oft schon zu einer Art Mittelklasse, hat eine gewisse Bildung und kann – meist mit Hilfe des ganzen Clans – die Schlepper-Mafia bezahlen. Was wir in Europa erleben, ist nur ein Teil, und zwar ein kleiner Teil, einer weltweiten Völkerwanderung. Experten schätzen, dass weltweit 50 bis 70 Millionen Menschen auf der Flucht sind vor Kriegen, Wirtschaftsmisere oder Umweltkatastrophen. Viele schaffen es nur bis ins Nachbarland – und vergrößern dort das Chaos. Während Marokkaner die Meerenge von Gibraltar zu überwinden versuchen, durchqueren ganze Trecks von Schwarzafrikanern die Sahara, um nach Libyen zu gelangen. Dort leben bereits mehrere 100.000 Schwarzafrikaner, und der Fremdenhass wächst. Für alle Völkerwanderungen gilt, und zwar seit Jahrtausenden: Sie können durch staatliche Abwehrmaßnahmen zwar gebremst, verzögert oder umgeleitet, aber niemals auf Dauer wirklich aufgehalten werden. Trotz eines gigantischen Grenzzauns gelingt es jährlich Zehntausenden von Mittel- und Südamerikanern, von Mexiko in die USA zu gelangen. In Spanien rüstete man die Grenzpolizei mit Geldern der Europäischen Union auf, gab ihr schnelle Schiffe und erstklassige Radarschirme. Tatsächlich ging die Zahl der Illegalen im Bereich dieser Sicherung drastisch zurück. Doch dafür schwimmen die Nussschalen jetzt auf die Kanarischen Inseln zu, die ebenfalls zu Spanien gehören. Oder die Schleuser organisieren (gegen entsprechendes Aufgeld) größere Boote, die eben hundert Kilometer weiter nördlich anlanden. Man kann nicht die ganze Mittelmeerküste abriegeln. Die Politiker wissen das. Die Sicherungsmaßnahmen sind teilweise wohl auch ein Zugeständnis an die Populisten unter ihnen, die mit Fremdenfeindlichkeit auf Stimmenfang gehen. Gleichzeitig wissen alle, dass Teile der Wirtschaft mit den illegalen Arbeitern ganz zufrieden sind. Sie arbeiten in der süditalienischen oder südspanischen Landwirtschaft als billige und ständig verfügbare Erntehelfer oder in den Städten auf dem Bau. Sie sind die Sklaven unserer Tage. Kolonialismus im 3. Jahrtausend Doch die Heimatlosigkeit, in die sich die Flüchtenden von heute, meist mehr getrieben als freiwillig, begeben, ist ein globales Phänomen: Auch in den Industrieländern ist der »mobile« Arbeitnehmer gefragt, der klaglos wie ein Nomade von einer Region zur anderen zieht, um kurzzeitig immer wieder einen neuen Arbeitsplatz zu ergattern, oft unterbezahlt oder auf Teilzeitbasis. Für bessere Jobs sucht man sich gut qualifizierte junge Leute aus der Dritten Welt – was für den einzelnen vielleicht eine Kariere bedeutet, doch was wird aus seinem Herkunftsland? »In früheren Zeiten beuteten die Kolonialherren die Rohstoffe der Kolonialländer aus. Heute die Qualifikation«, schreibt dazu der ehemalige deutsche Arbeitsminister Norbert Blüm (PM-Magazin 7/02). »Wo ist der fundamentale Unterschied? In beiden Fällen handelt es sich um Ausbeutung ... Heimat, Familie, Nachbarschaft, Freundschaft werden zu Störfaktoren.« Alle äußeren Abschottungs-Maßnahmen gegen illegale
Wirtschaftsflüchtlinge sind letztlich nur ein Kurieren am Symptom. Wo liegen die
Ursachen des Problems? Haben wir es hier vielleicht mit einer der Kehrseiten der
Globalisierung zu tun? Damit soll nicht geleugnet werden, dass es in den so genannten
Entwicklungsländern auch hausgemachte Probleme gibt, die z. B. in der Mentalität
oder in starren Traditionen begründet sind. Doch weshalb waren die Europäer hier
keine Vorbilder? Es ist sicher kein Zufall, dass sich 500 Jahre nach der
Entdeckung Amerikas und nach der Eroberung der Welt durch die so genannten
christlichen Nationen die Einwanderungsströme umgekehrt haben: Verbreiteten sich
bisher die Indoeuropäer über die ganze Welt, so drängen heute die Menschen aus
den Ländern, die sie erobert und unterworfen haben, nach Europa und Nordamerika.
Ursache und Wirkung? Die industrialisierten Länder haben ihr Ellbogendenken,
ihren Egoismus exportiert. Jetzt stehen Menschen vor der Tür, die genau darunter
gelitten haben. Sind wir nicht alle heimatlos? Vielleicht ist die äußere Heimatlosigkeit, die heute so viele Menschen erleiden, so etwas wie ein Spiegelbild einer inneren Heimatlosigkeit, die alle Menschen, auch die scheinbar sesshaften, betreffen kann. Wäre es überhaupt mit der Welt so weit gekommen, wenn wir Menschen uns unserer inneren Heimat und unserer geistigen Herkunft bewusst wären? Hätten wir dann ein Wirtschaftssystem hervorgebracht, in dem die Natur vergewaltigt und die Tiere gequält werden? Hätten die scheinbar christlichen Völker die Welt mit Waffengewalt erobern und die einheimischen Strukturen zerschlagen können? Oder wäre ihnen dann nicht bewusst gewesen, dass alles, was lebt, eine Einheit ist, weil es von Gott seinen Atem hat, und dass alles, was wir aussenden, indem wir gegen diese Einheit verstoßen, wieder auf uns zurückkommt? Wir sagen so einfach: »Wir sind alle Kinder Gottes.« Doch was
bedeutet das? Welche Auswirkungen hat es auf unser Leben? Hören wir einmal, was
ein Mensch sagt, der mit der inneren Heimat, mit Gott, in beständigem Kontakt
steht: Gabriele, die Prophetin und Botschafterin Gottes für unsere Zeit, sagte
vor kurzem in einer Schulung des Inneren Weges: »Wir sind ständig vor uns selber
auf der Flucht und haben Angst, kein Zuhause zu haben ... Wir sind unglücklich,
weil wir das Glück unserer wahren Heimat verloren haben. Wenn wir nämlich alles
bereinigen und sagen: ‚Ich bin glücklich in meinem Herzen’ – dann sind wir
glücklich, in unserer Heimat zu sein, bei Gott.« Dann erwacht in uns auch das
Bewusstsein für die Einheit aller Lebensformen der Natur – und das Bewusstsein
auch für die Einheit der Erde. Und was in scheinbar fernen Ländern passiert,
kann uns nicht gleichgültig sein. Die Auswirkungen sind ohnehin längst zu
spüren. (Matthias Holzbauer) |
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