Seltsame Seligsprechung

Schatten über Mutter Theresa

Auf dem Petersplatz fallen Nonnen in Ohnmacht, der Vatikan bringt eine Sondermarke heraus, fast alle Medien der Welt stimmen in den Jubelchor ein – über die Schattenseiten der kürzlich »selig« gesprochenen Mutter Theresa berichten nur sehr wenige.

Allenfalls wurde in einigen Zeitungen noch erwähnt, dass das angebliche »Wunder«, das für eine vatikanische Seligsprechung notwendig ist, auf höchst umstrittenen Daten beruht. Indische Mediziner geben an, die angeblich durch ein »Wunder« von einem Tumor genesene 30-jährige Inderin sei in Wirklichkeit mit durchaus weltlichen Medikamenten »geheilt« worden.

Das Konstruieren von »Wundern« mag man noch als katholischen »Spleen« belächeln, der ansonsten niemandem schadet. Doch was ist mit den hygienischen Zuständen in den Häusern der Missionarinnen der Nächstenliebe, wie Theresas Nonnen genannt werden? Die Süddeutsche Zeitung erwähnt zumindest, dass sie laut »Kritikern« als »katastrophal« bezeichnet wurden. Konkreteres findet sich in der Frankfurter Rundschau, wo die Historikerin Marianne Sammer zitiert wird: »Es ist allgemein bekannt, dass Mutter Theresa sich zwar ein Krankenhaus zur Verfügung stellen ließ, aber den Fahrstuhl darin verhinderte, dass sie professionelle medizinische Geräte, die vielen Patienten Besserung oder vielleicht sogar Heilung verschaffen könnten, in ihren Sterbe- und Krankenhäusern nicht zuließ, dass die Schwestern beim Waschen von Leprakranken keine Handschuhe tragen durften, dass sie nicht-desinfizierte Spritzennadeln so oft verwendeten, bis sie stumpf waren, dass sie in einem neu für sie bereitgestellten Heim die Teppichböden herausrissen und die Möbel zerschlugen.«
Als die englische Zeitung Guardian bereits 1994 die Zustände in Theresas Häusern als »organisierte Form der unterlassenen Hilfeleistung« bezeichnete, erntete sie Entrüstung von offizieller katholischer Seite. Doch Zeugen berichten tatsächlich, dass Patienten mit ansteckenden Krankheiten nicht isoliert wurden, oder dass man z. B. einen 15-jährigen Jungen lieber sterben ließ als ihn an ein anderes Krankhaus zu überweisen, wo es bessere Medikamente gegeben hätte.

Das eigentlich Schlimme daran ist jedoch: Es scheint sich nicht um einzelne »Ausrutscher« zu handeln – sondern es scheint Methode zu haben. Der albanischen Nonne aus Skopje ging es darum, die Sterbenden von den Straßen Kalkuttas aufzulesen, sie zu waschen und sie beim Sterben zu begleiten – eine durchaus löbliche Tat. Doch professionelle Hilfe für die Armen, die gesund werden, die weiterleben wollen, die Obdach und Bildung erhalten wollen, das war nicht ihr Ziel. Und es ist mehr als fraglich, ob es inzwischen das Ziel ihres Ordens ist.

Dagegen spricht schon die fast fanatische Maxime der Armut, die sie ihren Nonnen auferlegt hat: Sie dürfen nicht nur nichts Persönliches besitzen, sie dürfen sich auch bei ihrer Arbeit für den Nächsten so gut wie keiner Hilfsmittel bedienen, weder einer Waschmaschine noch eines Computers. Patienten mit Schmerzen erhalten oft keine Schmerzmittel, auch bei kleineren Operationen nicht, und werden dann mit dem Hinweis abgespeist, durch das Leid kämen sie Gott näher (Stern, 17.9.1998). Dabei verfügt der Orden inzwischen über Unsummen von Spenden-Geldern – von denen aber niemand weiß, in welche Kanäle sie geflossen sind und wie viel davon bei den Armen wirklich ankommt. Ein guter Teil des Geldes scheint in die Ausschmückung von Kirchen oder in weltweite Kampagnen gegen die Abtreibung und gegen jede Art von Verhütungsmitteln geflossen zu sein – die Lieblingsthemen von Mutter Theresa. Oder es ist einfach auf den Konten der Vatikanbank gelandet – die einzelnen Filialen in 123 Ländern jedenfalls sind nach einer kurzen Phase der Anschub-Finanzierung strikt gehalten, sich die für ihren Betrieb nötigen Geldmittel und Sachspenden unabhängig von der Zentrale selbst zu erbetteln. Was diese mit Erfolg auch tun – die »Missionarinnen der Nächstenliebe« sind bekannt dafür, dass sie grundsätzlich nichts bezahlen: weder in der Straßenbahn noch im Supermarkt. Es ist ja alles für einen guten Zweck ...

Schwerwiegender noch sind andere Vorwürfe, die gegen den Orden erhoben und bis heute nicht entkräftet sind: Von einzelnen indischen Ordenshäusern wurden angebliche Waisenkinder auf dubiosen Wegen zur Adoption nach Deutschland vermittelt. Nach einigen Jahren stellte sich heraus, dass mindestens ein Elternteil noch lebte und die Unterlagen schlichtweg gefälscht worden waren. Die Motivation für solche Machenschaften muss nicht einmal Geldgier sein – es kann sich auch um katholischen Fanatismus handeln: Kinder von hinduistischen Eltern werden auf diese Weise in Katholiken verwandelt, ihre Seelen gerettet ...

Doch es geht offenbar noch schlimmer: Die dänische Zeitung Politiken berichtete über polizeiliche Ermittlungen in Patna im indischen Staate Bihar, wonach Mädchen eines Ordenshauses zeitweise zur Prostitution vermittelt wurden ...
Statt solche Vorkommnisse und Vorwürfe zu klären, hat man Mutter Theresa in Rekordzeit selig gesprochen – und fast alle Welt klatscht Beifall. Will sie betrogen sein? Weshalb durchschaut sie nicht die doppelte Moral einer Frau, die kurz vor ihrem Tod erst Wochen lang durch Irland fuhr, um gegen die Einführung der Scheidung im letzten Land Europas zu kämpfen – und kurz darauf der Scheidung ihrer »Freundin« Prinzessin Diana Beifall spendete, weil die Ehe ja ohnehin gescheitert sei?
Und selbst wenn die sorgsam aufgebaute »Ikone der Nächstenliebe« (so der Papst) wirklich lupenrein wäre: Weshalb stellt niemand die Frage, welche Konsequenzen dies für die Kirche haben müsste? Wenn Armut und Verzicht so heiligmäßig und lobenswert sind – weshalb ist dann die Kirche so reich?

Wer dies nicht hinterfragt, für den lautet die Botschaft der Seligsprechung Mutter Theresas: Die Kirche bleibt, wie sie ist – und ihr dürft dafür bezahlen! (M. Holzbauer)


Journal Das Friedensreich, Ausgabe Nr. 11/03


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