Eine Kuh nimmt ihr Schicksal
selbst in die Hand ...

»Dass die Ladeklappe geschlossen war und es zwischen Oberkante Klappe und Unterkante Plane nur 40 Zentimeter Platz gab, hielt das Tier nicht ab: In Höhe vom ‘McDonalds’ in der Bleicherstraße muss die Kuh wohl geahnt haben, dass dies ihre letzte Fahrt sein sollte und sprang vom Viehanhänger« – so beginnt die Geschichte einer Flucht mit glücklichem Ausgang. Die Kuh, über die die Allgäuer Zeitung am 26.4.2004 berichtete, ist mittlerweile gesund und wohlbehalten auf dem Gnadenland der Gabriele-Stiftung eingetroffen.

Tierfreunde schreiten zur Tat

Zunächst sah es für die Ausreißerin nicht sehr hoffnungsvoll aus: »Mit dieser Aktion, teilt die Polizei mit, habe sich die Kuh nur einen kurzzeitigen Aufschub verschafft. Zwar stehe sie wieder im heimischen Stall, aber die Fahrt zum Schlachthof sei wohl nur aufgeschoben«, berichtet die örtliche Zeitung. Als Tierfreunde aus Kempten diese Zeilen lasen, suchten sie einen Weg, der Kuh zu helfen und dem Fluchtversuch zum wirklichen Erfolg zu verhelfen. Sie informierten die Gabriele-Stiftung, die mit finanzieller Hilfe vieler Tierfreunde und Förderer aus aller Welt im bayerischen Unterfranken ein Gnadenland für Weide- und Wildtiere errichtet. Es vergingen keine zwei Tage, da waren die Gespräche abgeschlossen, die Kuh freigekauft und ein Fahrzeug samt Anhänger rollte Richtung Süden, sie abzuholen.

Den Tierbetreuern der Gabriele-Stiftung verschlug es, dort angekommen, nicht nur die Sprache, sondern auch den Atem: 250 Rinder standen in einem großen, langen, dunklen Stall mit Spaltböden – knöcheltief im eigenen Dreck und ohne einen einzigen Halm Stroh. Die vielen Tiere standen so eng aneinander auf kleinstem Raum, eines unmittelbar neben dem anderen, dass sich keines von ihnen auch nur rühren konnte. Die Tiere waren völlig verschmutzt, es stank entsetzlich. Hörner hatten diese Tiere nicht mehr, sie waren ihnen, wie das heute üblich ist, schon als junge Kälbchen verätzt worden. Die jungen Kälbchen, etwa 50 Tiere, waren von den Müttern getrennt in einer Extra-Box untergebracht. »Es war grausig«, erzählt eine der Tierbetreuerinnen. »Die Tiere blickten einen aus großen, traurigen und verzweifelten Augen an, dass einem das Herz wehtat.«

Auch die Mutter wurde gerettet

Damit die freigekaufte Ausreißerin nicht alleine in eine neue Umgebung gebracht würde, wurde noch eine weitere Kuh freigekauft, die Mutter der mutigen Kuh. »Wir sprachen sofort mit den beiden und erklärten ihnen, dass sie am Leben bleiben würden und auf das friedvolle Land mitkommen dürften. Wir erzählten ihnen, dass dort schon andere Tiere wohnen und dass auf diesem Flecken, der ihre neue Heimat werden würde, das Friedensreich entsteht. »Ich bin gespannt, wie Sie die in den Hänger kriegen wollen«, sagte der Landwirt, dem die Tiere gehört hatten. Denn normalerweise kann man Kühe oder Schafe nur mit Schlägen oder einem Elektro-Stab dazu bewegen, in einen Hänger hineinzugehen, wohl weil sie spüren, dass der Hänger normalerweise immer zum Schlachthof fährt. Doch die beiden intelligenten Tiere hatten genau verstanden, dass es in eine bessere Zukunft gehen würde: Als wir die Klappe zum Anhänger öffneten, gingen sie sofort freiwillig hinein und wir fuhren schnell los von diesem schrecklichen Ort.«

Da fehlt doch jemand ...

Ihre erste Nacht nach der Ankunft auf dem Gnadenland haben die beiden im Stall verbracht und sich von der Fahrt erholt. Doch schon am nächsten Morgen sind sie hinaus auf die Weide gerannt und sind gehüpft vor Freude, wie man das bei Kühen nicht vermuten würde. Sie haben sich alles angeschaut und ihre neue Umgebung erkundet. Die beiden hatten noch nie zuvor einen Baum oder grünes Gras gesehen ...

Doch die Rettungsaktion war noch nicht zu Ende. Nach kurzer Zeit merkten die Tierbetreuer der Gabriele-Stiftung, dass das Euter der Mutterkuh, sie heißt übrigens Lene, sich immer mehr mit Milch füllte und schließlich gemolken werden musste. Da Kühe nur Milch geben, wenn sie geboren haben, war den Betreuern sofort klar: Lene muss vor kurzer Zeit ein Kälbchen zur Welt gebracht haben. Sie riefen sofort bei dem letzten Besitzer an, und der bestätigte dies: Lene hatte ein Kind, das aber ebenfalls bald geschlachtet werden sollte.

Die Familie ist komplett

Wer die Aktivitäten der Gabriele-Stiftung in den letzten Monaten verfolgt hat, wird sich denken, wie es weiterging: Erneut rollte ein Fahrzeug samt Anhänger gen Süden, um Lenes Kind freizukaufen und abzuholen, ein kleines Stierchen ...
So ist also nun das Happy End perfekt, die Familienzusammenführung gelungen, die Mutter glücklich, und die drei Kemptener Kühe genießen die große Weide, zu der ein kleines Wäldchen mit Schatten spendenden Bäumen und ein schöner Stall gehören.

Mit den Nachbarn, einer Gruppe freigekaufter Hinterwälder-Kühe, wurden schnell die ersten Kontakte geknüpft. Besonders der kleine Stier, der noch unter jedem Zaun durchpasst, stattete bei Nachbars gerne einen Besuch ab und tollte dort mit den anderen Jungtieren durchs grüne Gras. Mittlerweile sind die drei Kemptener voll in die Gruppe der Hinterwälder aufgenommen und genießen die neue Gemeinschaft und das angstfreie Leben auf dem friedvollen Land.

Wenn man zu den drei »Neuen«, die übrigens ein wunderschönes hellbeiges Fell haben, auf die Weide oder in den Stall geht, um ihnen Futter zu bringen oder etwas sauber zu machen, kommen sie sofort heran. Sie spüren, dass ihnen die Menschen hier nichts zuleide tun, und fassen Vertrauen. Sie beschnuppern ihre neuen, zweibeinigen Freunde und es wird nicht lange dauern, bis sie ihre Skepsis gegenüber Menschen ganz ablegen können. (sd)

Journal Das Friedensreich, Ausgabe Nr. 6/04


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