Wie »christlich« ist Europa?

Ist die Europäische Union auf christlichen Werten begründet? Sollten Gott und das Christentum in der Europäischen Verfassung genannt werden?

Der Naturwissenschaftler Burkhard Müller lieferte zu dieser Diskussion in der Süddeutschen Zeitung (24.4.2004) einen Beitrag, der eine »heftige Debatte« (so die Redaktion) hervorrief. Müller ist ein unbestechlicher Wissenschaftler, der aus einem atheistischen Hintergrund heraus arbeitet.* Unter der Überschrift »Wir sind Heiden« stellte Müller die These auf, dass die eigentlichen Werte Europas – vor allem die Achtung der Menschenrechte – mit dem Christentum nichts zu tun hätten. Das »Christentum« – Müller unterscheidet nicht zwischen Christentum und Kirche – sei vielmehr wie ein Korallenstock, auf dem die »Südseeinsel« Europa Fuß gefasst habe – also eine bloße historische Basis für etwas ganz anderes. Denn: »Wo immer das Christentum nicht nur Stärke, sondern auch Macht besaß, ist es als Zwangsveranstaltung aufgetreten ... Die Inquisitoren meinten es vollkommen ernst, wenn sie einen Ketzer verbrannten, um seine Seele zu retten. Alles, was heute als Freiheitsrecht des Individuums gilt, musste mit Gewalt gegen die Christen durchgesetzt werden.«

Der Fundamentaltheologe Jürgen Manemann konnte diesem Artikel nur eine eher polemische Replik entgegensetzen (3.5.2004). Er bezeichnete die Argumente Müllers als einen »antichristlichen Affekt«, als eine »Respektlosigkeit gegenüber dem Vergangenen«, ja sogar als »Ausdruck kultureller Amnesie, die jede Solidarität mit den Toten aufgekündigt hat«. Er verwies auf die »Tradition«, die auch für Europa sehr wichtig sei und nicht außer Acht gelassen werden dürfe.
Der Philosoph Nikolaus Knoepfler vertrat – mit etwas gemäßigteren Worten – eher die Position Müllers (13.5.2004), indem er zunächst die Frage stellte: »Ist nicht etwa das Prinzip der Menschenwürde die säkularisierte Fassung des christlichen Prinzips der Gottebenbildlichkeit?« Doch er verneint diese Frage. Zur Begründung führt er Thomas von Aquin an, der dem Menschen zwar zugesteht, dass er »von Natur aus als Selbstzweck existiert«. Doch die Menschenwürde gilt für Thomas von Aquin nicht unbegrenzt: Einen schlechten Menschen zu töten ist für ihn ein gutes Werk: »Obwohl es in sich schlecht ist, einen Menschen, der in seiner Würde bleibt, zu töten, kann es dennoch gut sein, einen sündigen Menschen zu töten, wie es gut sein kann, ein wildes Tier zu töten: Schlimmer nämlich ist ein schlechter Mensch als ein wildes Tier und er schadet mehr.« Knoepfler kommt zu dem Schluss: »Das heutige Europa in seinem Bekenntnis zu Menschenwürde und Menschenrechten und in seinem Bekenntnis zur Demokratie hat seine Wurzeln nicht im Christentum.« Der Boden, »auf dem die heutigen Wertegrundlagen Europas erwachsen sind«, ist für ihn die »geläuterte Aufklärung, die in Deutschland vor allem mit dem Namen Immanuel Kant verbunden ist«.

Bitte Christentum nicht mit Kirche verwechseln

Dies waren nur die ersten drei Beiträge einer Debatte, die nach Redaktionsschluss sicher noch weiterging. Doch bereits jetzt lässt sich feststellen: Die Kirchen haben sich verrechnet, wenn sie darauf zählen, dass die Öffentlichkeit Europas an der »kulturellen Amnesie« leidet, die ihre Vertreter gerade den Gegnern der Kirche vorwerfen. Die Geschichte der Kirche lässt sich bei der Frage nach den Werten Europas nicht einfach ausblenden – und auch nicht die Gegenwart, in der Kirchenvertreter weiterhin z. B. religiöse Minderheiten verfolgen oder gar durch den Staat verfolgen lassen. Man kann Wissenschaftlern wie Burkhard Müller höchstens entgegenhalten, dass sie Kirche mit Christentum verwechseln. Doch genau das müsste man wiederum den Kirchen anlasten, die seit fast 2000 Jahren den Namen des Jesus von Nazareth für ihre Zwecke missbraucht haben. Wenn die Werte Europas bzw. der westlichen Welt auf dem Christentum beruhen, dann allenfalls auf dem ursprünglichen, wahren Christentum – und nicht auf dem, was die Kirchen daraus gemacht haben. Die Kirchen müssten sich vielmehr fragen, weshalb es der Aufklärung und z. B. eines Philosophen wie Immanuel Kant bedurfte, um diese ursprünglichen Werte – ob nun in säkularisierter Form oder nicht – wieder in das Bewusstsein der Menschheit zu bringen. Solange dieser Schritt nicht getan ist und solange in der europäischen Öffentlichkeit nach wie vor Kirche und Christentum miteinander verwechselt werden, sollte man auf eine Nennung Gottes in der Europäischen Verfassung tatsächlich lieber verzichten, um eine Verwechslung mit dem Kirchengott zu vermeiden ... (Matthias Holzbauer)

*) Burkhard Müller setzte sich unter anderem auch kritisch mit der Evolutionstheorie Darwins auseinander: »Das Glück der Tiere – Einspruch gegen die Evolutionstheorie«, Alexander-Fest-Verlag, Berlin 2000, ISBN 3-8286-0089-1.


Journal Das Friedensreich, Ausgabe Nr. 7/04


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