Im
Jubeljahr der römisch-katholischen Kirche geht es jetzt Schlag auf
Schlag: Vor wenigen Tagen wurde Papst Pius IX., ein profilierter
Antisemit und Gewaltherrscher, der in seinem Kirchenstaat noch Menschen
hinrichten ließ, selig gesprochen. Das Mea Culpa Johannes Pauls
gegenüber den Juden wurde durch diesen Faux pas praktisch storniert.
Und jetzt kommt Josef Kardinal Ratzinger und kassiert die
lutherisch-katholische Verbrüderung in Sachen Rechtfertigungslehre: "Die
immerwährende missionarische Verkündigung der Kirche" werde durch
"religiösen Pluralismus" gefährdet, der kirchliche Wahrheiten
relativiert, darunter "die Inspiration der Bücher der Heiligen
Schrift" und die "universale Heilsmittlerschaft der Kirche".
Dieser Pluralismus muss verschwinden - gewissermaßen ratzeputz. Damit
auch niemand zweifelt, wie ernst es dem heutigen Großinquisitor ist,
beginnt er seine Erklärung mit einer Drohgebärde, die das
Markus-Evangelium Jesus von Nazareth in den Mund legt und die der
Kardinal für seine Kirche reklamiert: "... Wer nicht glaubt, wird
verdammt werden."
Diese Drohung schleudert der Mann aus Rom, der über
den Folterkellern seiner Vorgänger residiert, insbesondere all jenen
entgegen, die daran zweifeln, dass „die Bücher des Alten wie des Neuen
Testamentes in ihrer Ganzheit mit all ihren Teilen heilig und kanonisch"
sind, und die es für fragwürdig halten, dass die römische Kirche "Einzigkeit",
"Universalität" und "Absolutheit" für sich in Anspruch nimmt. Diese
Attribute, so der oberste Glaubenshüter, stünden ihr zu, weil sie "in Wirklichkeit nur die
Treue zum Offenbarungsgut zum Ausdruck" brächten und "sich aus
den Glaubensquellen selbst ergeben".
Wie werden wohl die evangelisch-lutherischen
Sektenbeauftragten reagieren, die so gern gegen Absolutheitsansprüche
von "Sekten" zu Felde ziehen? Sie erfahren aus
römisch-katholischem Munde, dass sie wirklich die Beauftragten einer
Sekte sind, mit "religiösen Defiziten" behaftet, bei der
Verbrüderung am Reformationstag nur scheinbar ernst genommen, während
„das im Mysterium schon gegenwärtige Reich Christi" eben allein
in Rom beheimatet ist. Wie konnten die Lutheraner nur hoffen, als
Ableger von Mutter Kirche je ernst genommen zu werden?
Im übrigen konterkariert Josef Ratzinger seinen Chef
Johannes Paul und dessen Mea Culpa auch dadurch, dass er schreibt: "In
allen Jahrhunderten hat die Kirche das Evangelium Jesu in Treue
verkündet und bezeugt." Diese "Treue" kostete bekanntlich
Millionen von Menschen das Leben.