|
»Organspende
- nie wieder«
Organtransplantation aus
der Sicht einer Betroffenen
"Wir
befinden uns durch die Transplantationsmedizin im modernen
Kannibalismus. Der Mensch reißt seinem Gegenüber nicht mehr selber das
Herz aus der Brust und verspeist es zur eigenen Kraftgewinnung, nein, in
der heutigen Zeit legt sich der Mensch auf einen Operationstisch,
schließt die Augen und lässt einverleiben."
Diese drastischen Worte wollen provozieren. Hier wägt
jemand nicht mehr vorsichtig die Begriffe ab, die er verwendet, sondern
hier wird eigenes Erlebtes verarbeitet. Was ist der Hintergrund?
Im Februar 1985 wurde der 15jährige Sohn von
Renate G. bei einem Verkehrsunfall tödlich verletzt. Als sie ihn auf der
Intensivstation sah, war es, als ob er tief schliefe. "Er war warm, aus einer Stirnwunde sickerte Blut",
schreibt die Mutter, die ihre erschütternden Erfahrungen in einem
Vortrag schriftlich niedergelegt hat.*
"Mein
Ja zur Organspende war nur ein Nein
zu noch mehr Tod"
Sie verbrachte die nächsten Stunden am Bett ihres
Sohnes und hoffte auf ein Wunder. Obwohl sein Zustand sich nicht
verändert hatte, kam nach der EEG-Untersuchung der Arzt und erklärte,
ihr Sohn sei nun tot. Und dann die Frage, ob sie ihn zur Organspende
freigebe - Herz, Leber, Nieren, evtl. Knorpelmasse würden dann
entnommen.
Ihr war bewusst: Für ihren eigenen Körper lehnte sie jede Manipulation
ab. Und so auch für ihren Sohn. Doch da waren "die drängenden
Hinweise des Arztes, dass ein anderes Kind sterben müsse, wenn wir
nicht zustimmen würden". Und sie fragte sich, ob sie nicht in so
einem Fall auch jede Hilfe für ihren Sohn gewollt hätte. Konnte sie da
jetzt die Hilfe verweigern? Und hieß es nicht auch, die Organspende sei
ein Akt christlicher Nächstenliebe? So willigte sie ein. Doch: "Mein Ja
zur Organspende war nur ein Nein zu noch mehr Tod."
Heute tut ihr dieses Ja leid. Sie schreibt: "Ich gab den Kampf
um meinen Sohn auf. Eine ungeheuerliche Situation: Ich wende mich von
meinem Kind ab, das warm ist, lebendig aussieht und behandelt wird wie
ein Lebender, weil der Arzt sagt, mein Kind ist tot." Statt ihrem
eigenen Empfinden hatte sie den Ärzten vertraut. Doch ihr Vertrauen
wurde auf eine Probe gestellt: "Und dieses Vertrauen in die Aussagen
der Mediziner in der Frage der Organspende besteht die Probe
nicht."
Als sie ihren Sohn vor der Beerdigung noch einmal sieht, erinnert er sie
"an ein ausgeschlachtetes Auto, dessen unbrauchbare Teile lieblos auf
den Müll geworfen wurden". Die Mediziner hatten ihrem Sohn Herz, Leber,
Nieren und die Augen entnommen, sogar die Beckenkammknochen hatte man
aus dem Körper herausgesägt. "Zerlegt in Einzelteile war er dann
über Europa verteilt worden. Er war zum Recyclinggut geworden."
Ein
nicht mehr zu rettender Patient ist noch kein Verstorbener
In den folgenden Jahren sammelte Frau G. jegliche
Information zur Transplantationsmedizin. In der Klinik, in der ihr Sohn
ausgeweidet worden war, wehrte man alle ihre Zweifel und kritische
Fragen ab, indem man sie für „zu betroffen erklärte, um klar denken zu
können". Um sie "mundtot zu machen", wurde ihr sogar mit gerichtlichen
Schritten gedroht. Man schickte ihr Unterlassungsklagen zu, in denen sie
sich verpflichten sollte, für jede öffentliche Stellungnahme zur
Organspende ihres Sohnes 1.000 DM an das Rote Kreuz zu zahlen. Mit Hilfe
der Familie gelang es ihr, sich nicht einschüchtern zu lassen. Sie
spricht mit Eltern, deren Kinder ebenfalls zu Organspendern gemacht
wurden. Und ihre innere Position wandelt sich: von ihrem Ja, "um noch mehr Tod" zu verhindern, zu einem radikalen
Nein und zum Recht auf ein Sterben in Würde.
Ein Schuldgefühl, zu früh aufgegeben zu haben, macht sich breit, "denn
was verlassen wurde, war ein Lebender, kein Toter". Andere Mütter
erzählen ihr von nächtlichen Albträumen, in denen ihre Kinder
schreien und ihnen vorwerfen, sie verlassen zu haben. Und genau das hat
auch sie getan.
Nicht Angehörige waren damals Sterbebegleiter, sondern das
Transplantationsteam, das anreist, um sich der Organe zu bemächtigen.
Und sie fragt: "Haben unsere Kinder etwas empfunden, als man sie vom
Kinn bis zum Schambein aufschnitt, ihre Körperhälften wie eine Wanne
auseinander spreizte, um sie mit eiskalter Perfusionslösung zu
füllen?" Die Gewissheit, dass ihr Sohn nicht tot war, sondern erst
im Sterben lag, erfüllt sie mit Angst und Entsetzen: "Es ist nicht
zum Aushalten. Wir finden keinen Weg aus der Schuld." Die Frau
ahnt, dass die Seele die Schmerzen des furchtbaren Eingriffs empfunden
hat.
Jeder
hofft, auf Kosten eines anderen zu überleben
Später fragt sie sich, warum so viele der Werbung
der Transplantationsmedizin erliegen und z.B. einen Organspenderausweis
ausfüllen. Ihre Antwort ist, dass die Menschen mit ihrer Angst vor dem
Sterben manipuliert werden, „dass wir uns alle nur in der Rolle der
Organempfänger sehen, aber nicht als Lieferant". Die Akzeptanz der
Organspende beruhe darauf, „dass keiner mehr sterben will. Jeder
hofft, auf Kosten eines anderen zu überleben". Dabei ist das Leben
mit fremden Organen höchst problematisch. Lebenslang muss die
natürliche Abstoßungsreaktion des fremden Organs mit hohen
Cortisongaben unterdrückt werden. Pilze, Viren und Bakterien können
sich aufgrund fehlender Immunabwehr ungestört im Körper vermehren.
Manch Transplantierter sterbe qualvoll an Infektionen, gegen die sich
sein Körper nicht wehren darf, um das Fremdorgan nicht abzustoßen.
Zudem würden Spender und Empfänger um eine der wichtigsten Erfahrungen
betrogen, nämlich ihr eigenes Sterben zu durchleben.
|
|