Auch wenn solche dramatischen Vorkommnisse eher
selten sind - sie zeigen, dass nur wenige die Risiken der modernen
"Designer-Drogen" kennen. Alkohol gibt es in unserer Gesellschaft seit
Jahrtausenden - Ecstasy seit etwa 15 Jahren.
"Ich sehe jeden Tag auf der Station, wie es ist, wenn
man alt ist", sagt ein junger Altenpfleger auf die Frage, weshalb er das
Aufputschmittel Ecstasy schluckt. "Da lebe ich lieber jetzt." "Feiern
ist super", sagt sein Freund (Der Spiegel, 3.7.2000). Suchten viele
ihrer Eltern noch in LSD oder Haschisch psychedelische Erfahrungen, so
schlucken die Jugendlichen heute am Wochenende während einer Party mit
Techno-Musik die Euphorie erzeugenden Pillen. Dadurch bleiben sie
manchmal das ganze Wochenende wach und fühlen sich "einfach gut drauf".
Die Amphetamin-Präparate sorgen dafür, dass das "Glückshormon" Serotonin
im Gehirn ausgeschüttet wird. Bis es sich in den Nervenenden erneut
aufgebaut hat, können sechs Wochen vergehen. Viele erhöhen daher die
Dosis oder greifen zu Alkohol, Kokain oder anderen Drogen. Die möglichen
Langzeitfolgen von Ecstasy-Konsum sind erst teilweise bekannt - sie
reichen von verminderter Gedächtnisleistung bis hin zu dauerhaften
Schädigungen des Gehirns. So genannte Freie Sauerstoffradikale dringen in
die geschwächten Nervenenden ein und zerstören sie.
Jede Droge wirkt anders. Während Ecstasy bei Dauerkonsum nicht
körperlich, sondern seelisch süchtig macht, bewirkt z. B. das Heroin
eine direkte körperliche Abhängigkeit. Dabei wird jede Droge aus anderen
Motiven genommen. Kokain etwa führt zu einer Art Größenwahn: Ich bin der
Größte, Schönste, Klügste. Ich bin nicht mehr schüchtern, sondern cool
und kontaktfähig. Ich habe immer recht. Verfliegt der Rausch, bleiben
Erschöpfung und Depression. Man wird für Freunde und Kollegen
unerreichbar. Eine menschliche Fehlhaltung wird durch die Droge
verstärkt, die Aufarbeitung verhindert.
Eine Drogenwelle jagt die andere, so dass selbst
Fachleute Mühe haben, Schritt zu halten. In Frankfurt wird an vielen
Stellen nur noch "Crack" verkauft, eine Spielart des Kokain, das unruhig
und aggressiv macht. Viele Junkies greifen anschließend zu Alkohol oder
zu Heroin, um wieder zur "Ruhe" zu kommen. An manchen Stellen taucht "Yaba"
auf, eine aus Thailand kommende Droge, die 20mal stärker wirkt als
Ecstasy und Menschen in den Wahnsinn oder in den Selbstmord treiben
kann. Die Drogenkonsumenten werden derweil immer jünger. Vier Prozent
der deutschen 15jährigen nehmen regelmäßig Ecstasy, weitere vier Prozent
Haschisch. Man schätzt, dass auf der Love Parade in Berlin im Jahr 2000 ein Drittel
der Teilnehmer, also etwa 300.000 Jugendliche und junge Erwachsene,
Ecstasy oder anderes konsumierten. Auch die Zahl der Drogentoten steigt
wieder an: Im ersten Halbjahr 2000 starben in Deutschland 862 Menschen
an Drogen, das sind acht Prozent mehr als im gleichen Zeitraum des
Vorjahres. Doch es sind noch wenige im Vergleich zu den Opfern von
Alkohol.
Im Jahr 1999 starben in Deutschland 1812 Personen an
Drogen - doch 140 000 an Alkohol. Nicht nur deshalb werden die Stimmen
lauter, die eine Gleichstellung der verschiedenen Drogen fordern.
Alkohol kann jeder Erwachsene in beliebiger Menge kaufen - auf den
Handel mit Drogen stehen in den meisten Ländern der Welt hohe Strafen.
Eine Ausnahme ist Holland, wo man zumindest Haschisch in begrenzter
Menge legal einkaufen kann. Man versprach sich davon, den illegalen
Drogenhandel unrentabel zu machen. Doch gerade dieses Land ist zum
Zentrum des europäischen Drogenhandels geworden.
Wie soll der Staat sich verhalten? Soll er unterscheiden zwischen dem
aus Hanf gewonnenen Haschisch (Cannabis), das "nur" psychisch, und dem
Heroin, das auch körperlich abhängig macht? Aber Cannabis ist viermal so
krebserregend wie Tabak, es kann Psychosen auslösen oder macht zumindest
apathisch. Es kann eine Einstiegsdroge für "härtere" Sachen sein - aber
diese Rolle spielt oftmals auch das Nikotin.
Die staatliche Drogenpolitik hat in Europa zwischen
dem äußerst restriktiven Schweden und dem liberalen Holland viele
Antworten versucht - doch jede hat ihre Vor- und Nachteile (siehe
Kasten). Ein Patentrezept gibt es offenbar
nicht - wie immer, wenn man an Symptomen herumkuriert.
Die eigentliche Frage lautet: Warum gibt es
Drogensucht? Und wo liegt der Ausweg? Mehr darüber in der
Ausgabe Nr. 20/2000.