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Leserbeitrag
Animus
und Anima: das Männliche in der Frau und das weibliche im Mann
Der Bericht über die Polarität der Geistwesen und
die Geschlechtlichkeit des Menschen
(Das Weisse Pferd Nr. 21/2000; siehe
Kopier- und Versandservice)
hat mich an einen Aspekt in der Psychologie von Carl Gustav Jung
erinnert, nämlich seine Lehre von Animus und Anima, in der Ähnliches
ausgesagt ist.
Jung, ein Schüler Freuds, hat eine Persönlichkeitspsychologie
entwickelt, die schon bald wesentlich von der Psychoanalyse abweicht.
Jung war Sohn eines Pfarrers - und in der Verwandtschaft gab es
insgesamt acht Geistliche -, sodass es vielleicht kein Wunder ist, dass
das spirituelle Element in der Analytischen Psychologie Jungs eine
große Rolle spielt.
Was das Konzept des Unbewussten angeht, so unterschied er schon bald
zwischen dem persönlichen und dem kollektiven Unbewussten. Inhalte des
kollektiven Unbewussten sind die so genannten Archetypen. Sie seien ein
Niederschlag der Menschheitserfahrung im einzelnen Menschen. Mit ihnen
müsse sich der Mensch auf dem Weg zu sich selbst auseinander setzen.
Beispiele für Archetypen sind der Held, der Alte Weise, die Große
Mutter und nicht zuletzt Animus und Anima.
Jung geht davon aus, dass jeder Mensch zweigeschlechtlich angelegt ist,
d. h. sowohl weibliche wie männliche Anlagen hat. Diese "Doppelveranlagung"
durchziehe alle Bereiche des Lebens und Erlebens. Jung nannte sie Animus
und Anima. Anima bezeichnet das Weibliche im Unbewussten des
Mannes, Animus ist das männliche Gegenstück in der Frau.
Die Anima beinhaltet die weiblichen Seeleneigenschaften des Mannes -
Stimmungen, Gefühle, Ahnungen, Empfänglichkeit für das Irrationale,
Liebesfähigkeit, Natursinn und insbesondere die Beziehung zum
Unbewussten. Entwicklungspsychologisch wird die Anima wesentlich von der
Beziehung zur Mutter geprägt. Entsprechend kann sie eher negative oder
eher positive Züge tragen.
Problematisch
ist nun, dass die Anima des Mannes die Tendenz besitzt, sich auf
Menschen zu projizieren, d. h. auf eine konkrete Frau. Dieser
Projektionsvorgang ist dafür verantwortlich, dass sich ein Mann z. B.
plötzlich verliebt in dem Gefühl: "Das ist sie! Die hat, was ich
suche", wobei bestimmte Frauentypen zu einer solchen
Animaprojektion besonders einladen. Doch mit dieser Nach-Außen-Verlegung,
dieser Zuschreibung begehrter Aspekte an eine Frau beginnt - nach kurzem
Hochgefühl - in der Regel eine nicht enden wollende Leidensstrecke.
Warum? Weil die Anima nicht dadurch im Mann Realität wird, dass er sie
projiziert, sondern indem er sie in sich selbst entwickelt. Deshalb muss
der Mann irgendwann erkennen, dass das, was er in der Frau zu finden
glaubte, in sich selbst finden und integrieren muss. Die Aufgabe besteht
also in der Zurücknahme der Projektion und der Entfaltung der
weiblichen Aspekte in sich selbst. Das ist in der Regel eine mühsame
Selbsterziehungsarbeit, die hier zu leisten ist.
Eine positive Anima, die nicht projiziert wird, lässt den Mann seine
weibliche Seite entwickeln. Diese ist nach Jung zugleich eine Führerin
nach innen. Denn sie bringt den Mann dazu, seine Gefühle, Phantasien,
Empfindungen, seine Sehnsucht ernst zu nehmen, vielleicht ein Tagebuch
zu führen und sich so auf dem Weg zum Selbst, zum Wachstum des
inneren Menschen, zu helfen. In diesem Sinne sei auch das "ewig
Weibliche" in Goethes Faust zu verstehen. Die "innere Frau"
könne Botschaften des Selbst dem Ich übermitteln. So verstanden
entspricht das Weibliche im Manne dem empfangenden Prinzip. Denn
gegenüber Gott sind sowohl Frau wie auch Mann empfangend.
Für die Frau gilt entsprechendes. Der Animus ist der innere Mann in der
Frau. Wenn sich der Animus projiziert, kann dies zu ähnlichen
Schwierigkeiten in der Beziehung zwischen Mann und Frau führen wie bei
der Anima. "Und was die Situation dann jeweils noch erschwert, ist die
Tatsache, dass Animus und Anima sich gegenseitig reizen, so dass jede
Auseinandersetzung automatisch auf ein niederes, emotionales Niveau
absinkt, wie die Stereotype aller Liebesfilme zeigen" (zit. nach
C. G.
Jung, Der Mensch und seine Symbole, S. 195).
Ein positiver Animus kann jedoch bei "der Frau zu Mut,
Unternehmungsgeist, Wahrhaftigkeit ... führen". Dies allerdings nur,
wenn die Frau bereit ist, ihre alten Überzeugungen infrage zu stellen. "Dann kann das Selbst als eine innerseelische Erfahrung des
Göttlichen zu ihr durchdringen und ihrem Leben einen Sinn
verleihen" (ebda., S. 195).
Das Jungsche Konzept von Animus und Anima stimmt mit dem entsprechenden
Aspekt der geistigen Psychologie, wie sie durch den Gottesgeist gegeben
wurde - der unterschiedlichen Struktur der Polung von Männlich und
Weiblich in Mann und Frau - überein. C. G. Jung hat dies offensichtlich
intuitiv erfasst.
M. M. aus W.
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