Das Weisse Pferd - Urchristliche Zeitung für Gesellschaft, Religion, Politik und Wirtschaft

Ausgabe 22/00

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Leserbeitrag

Animus und Anima: das Männliche in der Frau und das weibliche im Mann

Der Bericht über die Polarität der Geistwesen und die Geschlechtlichkeit des Menschen (Das Weisse Pferd Nr. 21/2000; siehe Kopier- und Versandservice) hat mich an einen Aspekt in der Psychologie von Carl Gustav Jung erinnert, nämlich seine Lehre von Animus und Anima, in der Ähnliches ausgesagt ist.

Jung, ein Schüler Freuds, hat eine Persönlichkeitspsychologie entwickelt, die schon bald wesentlich von der Psychoanalyse abweicht. Jung war Sohn eines Pfarrers - und in der Verwandtschaft gab es insgesamt acht Geistliche -, sodass es vielleicht kein Wunder ist, dass das spirituelle Element in der Analytischen Psychologie Jungs eine große Rolle spielt.
Was das Konzept des Unbewussten angeht, so unterschied er schon bald zwischen dem persönlichen und dem kollektiven Unbewussten. Inhalte des kollektiven Unbewussten sind die so genannten Archetypen. Sie seien ein Niederschlag der Menschheitserfahrung im einzelnen Menschen. Mit ihnen müsse sich der Mensch auf dem Weg zu sich selbst auseinander setzen. Beispiele für Archetypen sind der Held, der Alte Weise, die Große Mutter und nicht zuletzt Animus und Anima.
Jung geht davon aus, dass jeder Mensch zweigeschlechtlich angelegt ist, d. h. sowohl weibliche wie männliche Anlagen hat. Diese "Doppelveranlagung" durchziehe alle Bereiche des Lebens und Erlebens. Jung nannte sie Animus und Anima. Anima bezeichnet das Weibliche im Unbewussten des Mannes, Animus ist das männliche Gegenstück in der Frau.
Die Anima beinhaltet die weiblichen Seeleneigenschaften des Mannes - Stimmungen, Gefühle, Ahnungen, Empfänglichkeit für das Irrationale, Liebesfähigkeit, Natursinn und insbesondere die Beziehung zum Unbewussten. Entwicklungspsychologisch wird die Anima wesentlich von der Beziehung zur Mutter geprägt. Entsprechend kann sie eher negative oder eher positive Züge tragen.
Problematisch ist nun, dass die Anima des Mannes die Tendenz besitzt, sich auf Menschen zu projizieren, d. h. auf eine konkrete Frau. Dieser Projektionsvorgang ist dafür verantwortlich, dass sich ein Mann z. B. plötzlich verliebt in dem Gefühl: "Das ist sie! Die hat, was ich suche", wobei bestimmte Frauentypen zu einer solchen Animaprojektion besonders einladen. Doch mit dieser Nach-Außen-Verlegung, dieser Zuschreibung begehrter Aspekte an eine Frau beginnt - nach kurzem Hochgefühl - in der Regel eine nicht enden wollende Leidensstrecke. Warum? Weil die Anima nicht dadurch im Mann Realität wird, dass er sie projiziert, sondern indem er sie in sich selbst entwickelt. Deshalb muss der Mann irgendwann erkennen, dass das, was er in der Frau zu finden glaubte, in sich selbst finden und integrieren muss. Die Aufgabe besteht also in der Zurücknahme der Projektion und der Entfaltung der weiblichen Aspekte in sich selbst. Das ist in der Regel eine mühsame Selbsterziehungsarbeit, die hier zu leisten ist.
Eine positive Anima, die nicht projiziert wird, lässt den Mann seine weibliche Seite entwickeln. Diese ist nach Jung zugleich eine Führerin nach innen. Denn sie bringt den Mann dazu, seine Gefühle, Phantasien, Empfindungen, seine Sehnsucht ernst zu nehmen, vielleicht ein Tagebuch zu führen und sich so auf dem Weg zum Selbst, zum Wachstum des inneren Menschen, zu helfen. In diesem Sinne sei auch das "ewig Weibliche" in Goethes Faust zu verstehen. Die "innere Frau" könne Botschaften des Selbst dem Ich übermitteln. So verstanden entspricht das Weibliche im Manne dem empfangenden Prinzip. Denn gegenüber Gott sind sowohl Frau wie auch Mann empfangend.
Für die Frau gilt entsprechendes. Der Animus ist der innere Mann in der Frau. Wenn sich der Animus projiziert, kann dies zu ähnlichen Schwierigkeiten in der Beziehung zwischen Mann und Frau führen wie bei der Anima. "Und was die Situation dann jeweils noch erschwert, ist die Tatsache, dass Animus und Anima sich gegenseitig reizen, so dass jede Auseinandersetzung automatisch auf ein niederes, emotionales Niveau absinkt, wie die Stereotype aller Liebesfilme zeigen" (zit. nach C. G. Jung, Der Mensch und seine Symbole, S. 195).
Ein positiver Animus kann jedoch bei "der Frau zu Mut, Unternehmungsgeist, Wahrhaftigkeit ... führen". Dies allerdings nur, wenn die Frau bereit ist, ihre alten Überzeugungen infrage zu stellen. "Dann kann das Selbst als eine innerseelische Erfahrung des Göttlichen zu ihr durchdringen und ihrem Leben einen Sinn verleihen" (ebda., S. 195).
Das Jungsche Konzept von Animus und Anima stimmt mit dem entsprechenden Aspekt der geistigen Psychologie, wie sie durch den Gottesgeist gegeben wurde - der unterschiedlichen Struktur der Polung von Männlich und Weiblich in Mann und Frau - überein. C. G. Jung hat dies offensichtlich intuitiv erfasst.  
                                                                                                     M. M. aus W.

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