Das Weisse Pferd - Urchristliche Zeitung für Gesellschaft, Religion, Politik und Wirtschaft

 Ausgabe 24/00

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Krisenherde der Erde: Das Baskenland

Warum braucht es neun Priester für die Totenmesse eines Mörders?

Es sind überwiegend junge Leute, die die Aktivitäten der ETA tragenEine Region mitten in Europa - schöne Berge, grüne Felder, malerische Dörfer, moderne Großstädte. Und doch findet hier ein Bürgerkrieg auf Raten statt, der seit 1968 über 800 Menschen das Leben gekostet hat.

Die Baskische Untergrundorganisation ETA (Euskadi ta Askatasunä, Baskenland und Freiheit) kämpft mit Terror und Gewalt für einen eigenen baskischen Staat. In den drei baskischen Provinzen Spaniens spricht nur etwa jeder vierte Einwohner baskisch, in der Provinz Navarra und in den französischen Baskengebieten sind es noch weniger. Dies ist allerdings wiederum eine Folge der Unterdrückung dieser Sprache sowohl in Spanien als auch in Frankreich.

Zumindest die drei baskischen Kernprovinzen Spaniens verfügen seit 1979 über ein sehr weitgehendes Autonomiestatut: Weitgehende Steuerhoheit, ein eigenes Parlament, baskische Kindergärten und Schulen ... Und doch geht fast monatlich irgendwo in Spanien eine Bombe hoch, in einem Bus oder in einem Supermarkt, die Unbeteiligte trifft, oder es wird irgendein Politiker oder Justizbeamter regelrecht hingerichtet. Es trifft auch baskische Politiker, die eine gemäßigte Linie vertreten. Während eines 16monatigen Waffenstillstands von September 1998 bis Januar 2000 wurden zwar keine Menschen ermordet, dafür aber Wohnungen von "schlechten Basken" mit Molotow-Cocktails angezündet, öffentliche Busse und Telefonzellen zerstört. Die "Ruhepause" nützte die ETA zur Reorganisation, nachdem viele ihrer Aktivisten verhaftet worden waren. Seit einem Jahr sterben wieder Menschen.

Es sind nur wenige hundert, vielleicht nur wenige Dutzend meist junge Basken, die die Terroranschläge durchführen. Doch sie haben Sympathisanten - man schätzt etwa 10 Prozent der Bevölkerung. Sie verfügen über eine mit ihnen eng verbundene Partei, die Euskal Herritarrok (EH), und über verschiedene legal tätige Jugendorganisationen, aus denen sie ihren Nachwuchs rekrutieren. Die christdemokratisch orientierte Partei der Baskischen Nationalisten, die im Regionalparlament auch den Ministerpräsidenten stellt, will zwar auch die Unabhängigkeit erreichen, doch gewaltlos.

Viele Politiker und Künstler, die zwar überzeugte Basken sind, sich aber mit den Zielen der fanatischen Extremisten nicht identifizieren, haben die Region verlassen. Der Terror hat also sein Ziel zum Teil erreicht: Die Einschüchterung der Gemäßigten und der Pazifisten. Wer Solidarität mit den Opfern der ETA bekundet, muss mit Drohungen oder Prügel rechnen. Beobachter sprechen davon, dass hier eine Art "ideologische Säuberung" angestrebt wird: Viele, die gegen die ETA sind, werden systematisch vertrieben, vergrault - manche umgebracht. Unternehmer werden dazu erpresst, "Schutzgelder" an die Terroristen zu zahlen. Sogar der baskische Fußballstar Bixente Lizarazu, ein französischer Nationalspieler, der bei Bayern München spielt, erhielt kürzlich einen Erpresserbrief, der von der ETA stammen soll.
Woher kommt dieser Hass, der von einer Generation an die nächste weitergegeben wird? Viele aus der Generation, die die ETA 1959 gründeten und zunächst mit gewaltlosen Methoden gegen das spanische Franco-Regime kämpften, haben sich inzwischen abgewendet - doch ihre Söhne und Enkel, die eine Diktatur gar nicht kennen, machen weiter. Woher kommt die Blindheit für die Tatsache, dass die Pflege eigener Sprache und Kultur im Zeitalter des sich vereinigenden Europas nicht mehr eines staatlichen Überbaus bedarf?

Zu Zeiten Francos war der Kampf der Basken gegen den spanischen Staat durchaus verständlich. Im spanischen Bürgerkrieg (1936-39) hatte die Mehrzahl der Basken auf der Seite der Republik gegen den Putschisten Franco gekämpft, von dem sie zu Recht eine Einschränkung der in der spanischen Republik erreichten Autonomierechte fürchteten. Franco nahm bereits während des Bürgerkrieges furchtbare Rache: Er ließ die "heilige Stadt" der Basken, Guernica, in der sich unter einer uralten Eiche die urdemokratischen Versammlungen trafen, von deutschen Fliegern dem Erdboden gleichmachen. Der Diktator, der in Spanien mit Hilfe der katholischen Kirche einen "Kreuzzug" gegen den Bolschewismus zu führen glaubte, ließ während seiner bis 1975 währenden Diktatur die baskische Sprache verbieten. Während und noch nach der Zeit des Franco-Regimes wurden baskische Aktivisten in spanischen Gefängnissen gefoltert und massakriert. Spanische Todesbrigaden (die GAL) verbreiteten nach Francos Tod mit Billigung höchster spanischer Stellen Gegenterror. Heute sind die mehreren hundert ETA-Gefangenen über Gefängnisse in ganz Spanien verteilt - was von der ETA wiederum als Grund angeführt wird, weshalb der bewaffnete Kampf weitergehen müsse.

Das Baskenland"Das Baskenland ist der einzige Platz in Spanien, an dem Franco noch nicht begraben ist", sagt der ehemalige ETA-Kämpfer Uriarte. Das Erbe der Gewalt wirkt fort - in den Nachkommen derer, denen Gewalt angetan wurde. Die jungen Fanatiker der ETA protestieren gegen die Inhaftierung ihrer Gesinnungsgenossen in Südspanien - und entführen als Druckmittel einen Gefängniswärter, den sie dann 17 Monate in ein finsteres Erdloch sperren. Ihre Blindheit für die gesellschaftliche Gegenwart ist allenfalls noch durch die Annahme erklärbar, dass es sich bei vielen um wieder einverleibte Seelen ehemaliger Folteropfer Francos handeln könnte. Möglich ist auch, dass die ETA von interessierten Kreisen dazu missbraucht wird, den spanischen und den französischen Staat und damit die sich formierende Europäische Union zu schwächen.

Auch wenn die ETA und viele ihrer Sympathisanten Anhänger eines dogmatischen Marxismus sind, so liegt dieser Bewegung eine enorm starre, reaktionäre Haltung zugrunde. So fiel dem Historiker Javier Tusell auf, dass die Hauptgebiete des baskischen Extremismus solche sind, wo im 19. Jahrhundert die Basken gegen den spanischen Liberalismus kämpften. Die Mehrheit der Basken hat diese Haltung heute nicht mehr; im Gegenteil, viele protestieren gegen die Gewalt.

Der Terror wird gezielt in viele Städte Spaniens (hier Madrid) getragenDer baskische Nationalismus entstand erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts als Reaktion auf verstärkte Zuwanderung von Spaniern im Zuge der industriellen Revolution. Seine Begründung findet er in der Tatsache, dass die Basken tatsächlich ein einzigartiges Volk sind. Ihre Sprache ist die einzige vor-indogermanische in Westeuropa. Ähnlichkeiten gibt es allenfalls mit den Sprachen der kaukasischen Georgier oder der Berber in Nordafrika. Angeblich klingt auch die Sprache der Apachen jenseits des Ozeans ähnlich. Fast könnte man annehmen, dass die Basken direkt von dem sagenhaften Kontinent Atlantis stammen, der einst zwischen Europa und Amerika gelegen haben soll.

Dass ihr Nationalismus uns heute teilweise in übersteigerter, irrationaler Form entgegenkommt, liegt nach Ansicht von Beobachtern nicht zuletzt an der katholischen Kirche. "Ihr Einfluss auf alle Bereiche der baskischen Kultur kann kaum überschätzt werden", schreibt der Journalist Wolf Hanke. Das gilt anscheinend auch noch für die Gegenwart.
Eine Augenzeugin berichtet von der Totenmesse für einen mehrfachen ETA-Mörder, der bei einem Sprengstofftransport ums Leben kam. Die Messe in der Kirche einer kleinen baskischen Stadt zelebrierten neun (!) Priester - und kein einziger erwähnte, dass man hier einen Mörder zu Grabe trug, und bat deshalb um Gnade für seine Seele (Die Zeit, 31.8.2000).

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Es ist auffällig, dass ein derartig anachronistischer und hartnäckiger Konflikt ausgerechnet dort entstand, wo auf beiden Seiten hundertfünfzigprozentige Katholiken am Werk waren: Franco und die Basken. Dass die Kirche kein Problem damit hat, auf beiden Seiten eines Krieges zu stehen, sah man in den beiden Weltkriegen des vergangenen Jahrhunderts zur Genüge. Den "Gewinn" davon haben jene unsichtbaren Kräfte, die ihre Energie aus Streit, Hass, Mord und Totschlag der Menschen beziehen und diese dazu sogar anstacheln. Im Baskenland halten sie noch immer reiche Ernte.


 



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