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Vatikan gibt weitere
Inquisitionsakten freiSatan
öffnet sein Archiv
Neu ist es nicht, was
der SPIEGEL in seiner Aufsehen erregenden Titelgeschichte über die Inquisition berichtet.
Dem Leser stockt dennoch der Atem.
Erstmals wurde eine breite Öffentlichkeit mit der blutrünstigen
Vergangenheit einer Kirche konfrontiert, von der einer ihrer besten Kenner, Karlheinz
Deschner, schon vor Jahren schrieb: "Nach intensiver Beschäftigung mit der
Geschichte des Christentums kenne ich in Antike, Mittelalter und Neuzeit, einschließlich
und besonders des 20.Jahrhunderts, keine Organisation der Welt, die zugleich so lange, so
fortgesetzt und so scheußlich mit Verbrechen belastet ist wie die christliche Kirche,
ganz besonders die römisch-katholische Kirche."
Alles im Namen Christi
In einem Punkt wird man Deschner
freilich widersprechen müssen: "Christlich" war diese Kirche nicht. Den Namen
hat sie sich nur angemaßt, denn in ihren Folterkellern und auf ihren Scheiterhaufen
wurden Millionen Menschen zu Tode gebracht. Ihre Kreuzritter wateten in Jerusalem
knöcheltief in Blut der von ihnen Ermordeten, und christliche Eroberer rotteten in
Amerika mit dem Segen kirchlicher Missionare ganze Volksstämme aus. Die Verbrechen
Stalins und Hitlers wirken wie eine Episode der Geschichte, wenn man sie mit der
Jahrhunderte langen Schreckensherrschaft der Kirche vergleicht.
Und dies alles geschah "im Namen Christi", durch eine
Organisation, die noch heute für sich in Anspruch nimmt, unfehlbare Wahrheiten zu
verkünden, und sich anmaßt, für Ethik und Moral zuständig zu sein. Die
"kirchlichen Würdenträger" (Was hätte wohl Jesus von Nazareth zu dieser
Titulierung gesagt?) müssen das Volk für ziemlich unbedarft halten. Der Purpur des
gegenwärtig amtierenden obersten Glaubenshüters der römisch-katholischen Kirche, des
Kardinals Josef Ratzinger, erinnert längst nicht mehr an die Märtyrer des frühen
Christentums, sondern weit eher an das Blutbad, das seine Vorgänger im Namen der
"Heiligen Inquisition" anrichteten. Nur mit Hilfe eines "Taufbundes",
mit dem man bereits Säuglinge in die Kirchenmitgliedschaft zwingt, um sie im
Erwachsenenalter mit Hilfe von Verdammnisdrohungen bei der Stange zu halten, war es
möglich, das Kirchenvolk so lange am Denken zu hindern und im Verbund mit dem jeweiligen
Landesherrn als abhängige Untertanen zu halten.
Flucht nach vorne
Heute funktioniert diese Erpressung
nicht mehr, wie der Exodus aus den Kirchen beweist. Deshalb ergreift der Vatikan die
Flucht nach vorne, indem er Archive öffnet, deren Inhalt nicht länger zu verheimlichen
ist.
Allerdings nur bis zum Jahre 1903. Warum hört die Wahrheitsliebe
ausgerechnet mit dieser Jahreszahl auf? Angeblich um lebende Personen zu schonen. Etwa
Theologen, wie z. B. Hans Küng, Eugen Drewermann und Leonardo Boff, die man wegen
Unbotmäßigkeit aus ihren Stellungen gejagt hat - nach alter Inquisitionsmanier im Wege
geheimer Verfahren, in denen sich die Angeklagten nicht verteidigen können? Oder will man
die Angehörigen der Opfer kirchlicher Exorzismen schützen? Das letzte Opfer kam in den
70er Jahren mit bischöflicher Genehmigung in der Diözese Würzburg zu Tode
(siehe
www.theologe.de/theologe9.htm). Die
Teufelsaustreibung, die das Leben kosten kann und Bestandteil des geltenden Kirchenrechts
ist, transportiert mittelalterlichen Hexenwahn ins 20. Jahrhundert.
Wer soll geschützt werden?
Vielleicht geht es bei der Zäsur
des Jahres 1903 weniger um "noch lebende Persönlichkeiten", sondern eher um
einige Verstorbene: Zum Beispiel Pius X., der ab 1903 mit Hilfe einer hierfür eigens
geschaffenen Spionageorganisation eine wahre Schnüffelkampagne gegen die eigenen Kleriker
entfachte, die im Verdacht standen, "modernistische Ideen" zu vertreten. Oder
Pius XII., der zum Holocaust schwieg und zuschaute, wie vor seiner Haustüre Juden zur
Erschießung abtransportiert wurden; der es stillschweigend duldete, dass im
"katholischen Kroatien" hunderttausende von orthodoxen Serben von katholischen
Priestern zwangsgetauft und von Katholiken bestialisch umgebracht wurden; und der 1945
Tausende hochrangiger Nazis auf einer rechtzeitig aufgebauten "Klosterstraße"
zur Flucht nach Spanien und Südamerika verhalf.
Satan öffnete sein Archiv, lässt sich aber nur zum Teil in die Karten
schauen. Zur neuerlichen Verhöhnung des Jesus von Nazareth, in dessen Namen die
archivierten Verbrechen begangen wurden, reicht es allemal. Und zur Jahrtausendwende will
sich die Organisation, die so viel kriminelle Energie aufwandte, groß entschuldigen.
Warum nicht sofort? Warum nicht schon längst? Und mit welchen Konsequenzen? Wird man das
Vermögen für wohltätige Zwecke spenden, das man verbrannten Ketzern abgenommen oder den
eigenen Mitgliedern am Totenbett abgepresst hat? Wird man die Ländereien, die man teils
durch Gewalt, teils durch politisch erzwungene Schenkungen und teils durch Erbschleicherei
erworben hat, dem Gemeinwohl zur Verfügung stellen? Davon hört man nichts. |
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