Das Weisse Pferd - Urchristliche Zeitung für Gesellschaft, Religion, Politik und Wirtschaft

Ausgabe 19/98

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Die unheiligen Geschäfte des Vatikan (2)

Der Papst, die Mafia und 19 mysteriöse Todesfälle

Da staunten die italienischen Zeitungsleser nicht schlecht, als sie am 10. Juli 1997 erfuhren: In der Krypta der Kirche zum Heiligen Appollinaris an der Piazza Navona liegen nicht nur Päpste und Kardinäle begraben, denen solche Ruhestätten eigentlich vorbehalten sind, sondern auch ein leibhaftiger Mafioso. "Enrico de Pedis" war auf einer Grabplatte zu lesen, die bis dahin offenbar niemandem aufgefallen war.

Wie kam der Mafioso in die Krypta?

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"Die Geschäftemacher des Vatikan" -
ein Buch sorgt für Aufsehen

Mario Guarino, schreibt hierzu der in seinem Buch I Mercanti del Vaticano (Die Geschäftemacher des Vatikan): De Pedis war ein Mafiaboss aus der berüchtigten Maglianabande, der wegen Drogenhandels, Raubüberfällen und Mord ab 1983 einige Jahre im Gefängnis verbrachte, dann aus unerfindlichen Gründen vorzeitig frei kam, seine alte Tätigkeit wieder aufnahm und 1990 von einer rivalisierenden Bande erschossen wurde. Er verdankte die spätere Überführung seiner sterblichen Überreste von einem römischen Friedhof in die "ehrwürdige" Basilika nach Vermutungen der Zeitung L’ unitá seinen guten Beziehungen zur mafioso-politischen Zentralfigur jener Tage, dem Christdemokraten Giulio Andreotti, der wiederum beste Beziehungen zum (inzwischen verstorbenen) Kurienkardinal Ugo Poletti hatte. Andreotti wollte sich möglicherweise erkenntlich zeigen für einen Mord, der 1979 von Maglianaleuten am Journalisten Mino Pecorelli verübt wurde, nachdem dieser eine Skandalstory über Andreotti angekündigt hatte ...

Eine kuriose Anekdote? Ein Einzelfall, über den man zur Tagesordnung übergehen kann? Oder ein Schlaglicht auf einen Sumpf, der bis heute nicht trockengelegt wurde?

Die "Mailänder Mafia"

Guarino nennt als Beginn der Verflechtung zwischen Mafia und dem Vatikan die frühen 60er Jahre. Damals brachte der neu gewählte Papst Paul VI. aus seiner Bischofsstadt Mailand einen Stab von Finanzberatern mit, der in römischen Kurienkreisen bald den Spitznamen "mafia milanese" (Mailänder Mafia) erhielt. Einer dieser Berater war der aus Sizilien stammende Spekulant und Finanzkünstler Michele Sindona. Dieser hatte für den damaligen Erzbischof Montini schon Mitte der 50er Jahre Grundstück und Kapital für ein Altenheim "aus dem Ärmel gezaubert", was Montini offenbar sehr beeindruckt hatte. Doch das Geld stammte zum großen Teil von der Mafia.

Der Papst braucht gute Finanzberater. Es droht nämlich Unbill vom italienischen Staat. Dieser bereitet eine Steuergesetzgebung vor, wonach Gewinne aus Aktien und Wertpapieranlagen generell besteuert werden sollen - auch die des Vatikans. Die immensen Gewinne des "Heiligen Stuhls" aus dem von Mussolini 1929 erhaltenen Vermögen (wir berichteten in Teil 1) hätten sich dadurch erheblich reduziert.

Sindona hatte eine Idee: Man müsste die Vatikangelder ins Ausland schaffen. Die "Pflege" von Geldern in Steuerparadiesen war seine Spezialität. Allerdings gab es damals noch keinen freien Devisenverkehr. Man musste also illegal handeln.

"Drei für ein Ave Maria"

Dass Sindona gleichzeitig rege Kontakte zur amerikanischen und italienischen Mafia unterhielt, konnte für die geplanten Aktivitäten nur von Vorteil sein. Auch dass die amerikanische Polizei ihn sehr bald der Beteiligung am Drogenhandel verdächtigte und dies der römischen Kriminalpolizei mitteilte, behinderte seine Mitarbeit im Vatikan nicht.

Doch er brauchte fähige Partner. Paul VI. ernennt 1968 seinen Reisemarschall und Prälaten Paul Marcinkus zum Erzbischof und Direktor der Vatikanbank IOR. Der aus Chicago stammende Marcinkus hatte kurz zuvor noch einen Schnellkurs bei einigen amerikanischen Banken durchlaufen. Als 1975 der Mailänder Bankier Roberto Calvi zum Direktor der Mailänder Banco Ambrosiano ernannt wird, ist das magische Dreieck perfekt, die "Drei für ein Ave Maria", wie Guarino sich ausdrückt.

Gemeinsam schafft das Trio Sindona-Marcinkus-Calvi Riesenbeträge aus den Kassen und Beteiligungen des Vatikans an der Steuer vorbei ins Ausland, von wo sie über ein Netz kleiner lateinamerikanischer oder karibischer Banken gewinnbringend angelegt werden.

Natürlich lassen sich über dieses Netz auch Gelder anderer "Kunden" am Fiskus vorbeischmuggeln, woran man ebenfalls verdienen kann. Der gute Name der Vatikanbank und der "Priesterbank" Ambrosiano lassen keinen Verdacht aufkommen. Oder man kann gefälschte Wertpapiere in Umlauf setzen und zu Geld machen. Oder man kann schmutziges Geld waschen. Zum Beispiel aus dem kolumbianischen Drogenhandel. Nicht umsonst ließ der Ex-Präsident von Panama, Noriega, der in den USA wegen seiner Verwicklung in die kolumbianische Drogenmafia angeklagt war, 1989 verbreiten, der Vatikan könne ihm ja Asyl gewähren ...

All diese kriminellen Machenschaften sind in Büchern und Presseberichten vielfach analysiert worden. Gewissensbisse hatte offenbar keiner der drei Herren. Man war schließlich überzeugt, die gute Sache der römischen Kirche zu fördern - und überdies den Kommunismus zu bekämpfen. Dieses Ziel verfolgte auch die Loge P2, deren (in diesen Tagen verhafteter) Koordinator Licio Gelli bei der Ernennung (und später möglicherweise auch bei der Ermordung) Calvis seine Hand im Spiel hatte. Sindona unterstützte mit seinen Mafiageldern unter anderem die Democrazia Cristiana, die ihm dafür politische Rückendeckung gewährte.

Das Ende mit Schrecken

Ab den Jahren 1973 und 1974 kommt das Trio (Calvi allerdings erst ab 1975 auch als Direktor der Banco Ambrosiano) in erhebliche Schwierigkeiten. Die Ölkrise lähmt die Geschäfte und lässt das Bankenimperium Sindonas zusammenbrechen - und nach der Watergate-Affäre, die seinen Freund Richard Nixon zu Fall bringt, kommt auch Sindona in die Schusslinie der Behörden. Er wird eingesperrt und es droht ihm die Auslieferung nach Italien.

In den nun entstehenden Turbulenzen lässt der Vatikan sowohl Sindona als auch Calvi fallen. Calvi versucht verzweifelt, den Bankrott seiner Bank abzuwenden. Die Vatikanbank streitet jegliche Verantwortung für entstandene Lücken ab, obwohl sie von Calvis Geschäften immer profitiert hatte. Als Calvi nach neuen Partnern sucht, wird er von der Mafia, deren Gelder mit auf dem Spiel stehen, gewarnt: Einer seiner Mitarbeiter wird angeschossen. Calvi wird schließlich 1982 in London unter der "Brücke der Barmherzigen Brüder" erhängt aufgefunden - mit allen Anzeichen eines Fememordes der Mafia. "Steine in den Taschen eines Toten sind eine Warnung an andere, dass gestohlenes Geld den Tod bringt", erklärt Robert Hutchison in seinem Buch Die heilige Mafia des Papstes - womit er das Opus Dei meint, von dem gleich noch die Rede sein wird (PS: Der Sachverhalt um den Tod Calvis und den Bankrott der Banco Ambrosiano ist zusammengefasst in der Zeitschrift Der Theologe).

Sindona wird nach Italien ausgeliefert und dort im Gefängnis vergiftet.

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Johannes Paul II. beließ Erzbischof Marcinkus für viele Jahre im Amt, obwohl dessen zwielichtige Geschäfte längst bekannt waren

Und Marcinkus? Er kann seinen Posten zunächst noch behalten. Der 33-Tage-Papst Johannes Paul I. hätte ihn allerdings 1978 um ein Haar entlassen, möglicherweise auch den Skandal um die Vatikanbank viel früher aufgedeckt. Doch in der Nacht vor der geplanten Umbesetzung wichtiger Vatikangremien starb er eines unerwarteten Todes. Angeblich war er krank. Doch der brasilianische Kardinal Lorscheider, der am Konklave im August 1978 teilnahm, bestritt dies erst jüngst in einem Interview.

Der Tod von Calvi und der Bankrott seiner Ambrosiano-Bank geht dennoch nicht spurlos am Vatikan vorüber, dessen Verwicklung in die Affäre so augenfällig ist, dass die Vatikanbank 1984 eine "freiwillige" Entschädigung von 250 Millionen Dollar an die betrogenen Gläubiger auszahlte. Kardinal Marcinkus, der vor einem italienischen Haftbefehl hinter die Mauern des Vatikans flüchtete, wurde 1989 aus dem Verkehr gezogen und in die USA zurückgeschickt.

Die Rolle des Opus Dei

Diese Abberufung steht nach Hutchison wohl in Zusammenhang mit einem Kurswechsel im Vatikan: Mit Papst Wojtyla übernahm ein Parteigänger des Opus Dei die Macht im Vatikan. Das Opus Dei, 1929 von dem spanischen Priester Escrivá gegründet, ist eine katholische Geheimorganisation, die im Verlauf der 80er Jahre die vatikanischen Finanzen unter ihre Kontrolle brachte. Im Gegenzug verlieh Wojtyla dem Opus den Status einer "Personalprälatur". Das bedeutet, dass die Organisation nur noch dem Papst unterstellt ist, also keiner Diözese und keinem Bischof mehr. Außerdem beschleunigte der Papst die Seligsprechung des 1975 verstorbenen Gründers Escrivá, der sich 1968 den spanischen Adelstitel "de Balaguer" hatte verleihen lassen. Die Seligsprechung wurde tatsächlich in Rekordzeit vorangetrieben und im Jahre 1992 durchgeführt.

Der Weg des Opus Dei zur Macht führt an einer ganzen Reihe mysteriöser Todesfälle vorbei, die Hutchison in seinem Buch auflistet (siehe auch hier). Auch in die Calvi-Affäre und in die Machenschaften der P2-Loge waren nach Hutchison von Anfang an dem Opus Dei nahe stehende Akteure verwickelt.

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Auch gegen Kardinal Giordano aus Neapel wird wegen Verbindungen zur Mafia ermittelt

Dass die Verflechtungen des Vatikans mit der Mafia auch heute noch keineswegs der Vergangenheit angehören, zeigt nicht nur die 1992 aufgedeckte Verwicklung des Erzbischofs von Monreale (Sizilien), Cassisa, in einen Subventionsbetrug gegen die Europäische Gemeinschaft und weitere Mafiageschäfte. Seit einigen Wochen wird auch gegen den Kardinal von Neapel, Michele Giordano, ermittelt. Sein Bruder betreibt laut Presseberichten das traditionelle Mafiageschäft der Zinswucherei, wobei er nicht nur den Namen und Titel seines Bruders als verkaufsförderndes Argument einsetzte, sondern auch große Geldbeträge von diesem erhielt. Der Kardinal hatte natürlich keine Probleme, größere Kredite der Vatikanbank zu erhalten. Als der Leiter der neapolitanischen Filiale der Vatikanbank vor kurzem nach Rom reiste, starb er unerwarteterweise an einem Herzinfarkt und kann leider von der Staatsanwaltschaft nicht mehr vernommen werden ...


 

Lesen Sie auch:
Uli Weyland, Strafsache Vatikan, Jesus klagt an, Verlag Das Weisse Pferd



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