Das Weisse Pferd - Urchristliche Zeitung für Gesellschaft, Religion, Politik und Wirtschaft

Ausgabe 9/99

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Packendes Buch von Prof. Hubertus Mynarek

Die neue Inquisition

Sektenjagd in Deutschland -
Mentalität, Motivation, Methoden kirchlicher und staatlicher Sektenbeauftragter

"Und was galt nicht alles als Ketzerei?! Wer die Bibel besaß oder las, was damals offiziell durch die Amtskirche verboten war (!), war ein Ketzer; wer irgend etwas Abfälliges über Priester gesagt hatte, war es ebenfalls; wer freitags Fleisch gegessen hatte oder wer seiner Osterpflicht nicht nachgekommen war; wer keine Steuern an Papst oder Bischöfe abgeführt hatte; wer Gott gelästert oder unanständige Flüche ausgestoßen hatte, der wurde von der Inquisition abgeholt, wenn ihn ein missgünstiger Zeitgenosse anzeigte. Mitten in der Nacht konnte da plötzlich der Polizeichef des Ortes mit einer bewaffneten Begleitmannschaft und natürlich dem Inquisitor höchstpersönlich, meist einem Dominikaner, vor der Tür stehen. Und damit war das Schicksal des armen Opfers besiegelt."

"Die neue Inquisition" von Prof. Hubertus MynarekInquisition - alles nur Vergangenheit, die uns in der Gegenwart einen gruseligen Schauer über den Rücken jagt, mehr aber nicht? Dass von der Inquisition des Mittelalters eine direkte Linie bis zur Intoleranz und Gesinnungsschnüffelei der Gegenwart gezogen werden kann, war vielen Beobachtern der heutigen "Sekten"-Hysterie schon seit langem klar. Jetzt liegt der Beweis vor. Prof. Hubertus Mynarek, exzellenter Kenner sowohl der Kirchengeschichte als auch der innerkirchlichen Konflikte und theologischen Klimmzüge der Gegenwart, spannt den Bogen zwischen den Jahrhunderten.

Die "Dressur-Moral" der autoritären Religion

Den gemeinsamen Hintergrund für kirchliche Ketzerverfolgung im Mittelalter und kirchliche Verleumdungskampagnen gegen Andersdenkende in der Gegenwart benennt der Autor bereits im Vorwort: Es ist der "autoritäre Typ" von Religion, den die Kirchen repräsentieren - damals wie heute. Doch immer mehr Menschen brechen aus diesem Käfig aus.

"Die ‘Dressur-Moral’, in der die Sekundärtugend Gehorsam weit vor dem ‘Prinzip Liebe’ rangiert ..., hat ausgedient." Auf diese Weise kann man die "letzten Sinnfragen" des Menschen heute nicht mehr beantworten. "Perfektionistisch organisierte Religionsformen, wie etwa der Katholizismus, aber wollen diese Fragen totalitär verwalten, despotisch und demagogisch über sie verfügen."

Der Autor zeigt auf, wie das autoritäre "Milieu" beider Großkirchen heute mehr und mehr auseinander fällt. Kirchenmitglieder und selbst Pfarrer halten heute längst nicht mehr alles für wahr, was die Kirchen lehren. Dadurch wanken aber auch die Privilegien der vom Staat vielfältig subventionierten Kirchen. Diese sehen ihre Existenzgrundlage gefährdet - aus der Glaubenskrise wird eine Krise der Institution:

"Die wirklich Religiösen wissen: Ihr spiritueller Durst, ihr Sinnbedürfnis wird auf diesem Wege nicht gestillt, sie können sich mit der Kirche als Kneblerin des religiösen Lebens und Erlebens, als dogmatischer Sinnfixiererin nicht mehr identifizieren und wandern in die von der Kirche so heftig bekämpften, schmählich so genannten Sekten, Jugendreligionen, Psychokulte usw. ab. Kein Wunder, dass die Kirchenführer diese Gruppierungen zum neuen schrecklichen Feindbild hochstilisieren, das von ihnen selber, aber auch von Gesellschaft und Staat auf das schärfste bekämpft werden müsse und dass sie ‘Sektenexperten’ ernennen, deren geballter Fanatismus meist in keinem irgendwie akzeptablen Verhältnis zu ihrem minimalen Wissen in vergleichender Religionswissenschaft, Sekten- und Konfessionskunde steht."

"In gewisser Weise ist der Kampf gegen die neuen religiösen Bewegungen schon wieder eine Vitalitätsspritze für die erstarrte Kirche. Einen letzten Funken eigenen Lebens zu verspüren vermag sie offenbar nur noch, indem sie den vermeintlichen Gegner inquisitorisch bekämpft."

Kampf gegen Ketzer, Hexen, Juden

Bereits im Mittelalter sah die Kirche sich in ihrer Machtstellung gefährdet - durch die gewaltlos und bescheiden auftretenden Bewegungen der Katharer und Waldenser, die beide an frühchristliche Ideale anknüpften. Zu ihrer Bekämpfung wurde die Inquisition geschaffen.

Mynarek schildert die Schrecken jener Zeit und den Ablauf des Inquisitionsverfahrens. Im 16. und 17. Jahrhundert erreichte der Sadismus kirchlicher Menschenjäger bei der Verfolgung der "Hexen" einen weiteren Höhepunkt. Das "Standardwerk der Hexenverfolgung" war der "Hexenhammer", verfasst 1484 von zwei Dominikanermönchen und herausgegeben mit päpstlicher Druckerlaubnis.

Auch von hier spannt Mynarek einen Bogen zur heutigen Zeit: "Die kirchlichen Sektenbeauftragten von heute, die den neuen religiösen Bewegungen stets vorwerfen, apokalyptische Ängste zu schüren, sollten einmal im ‘Hexenhammer’ nachlesen, wie darin die Menschen von damals in Angst und Schrecken versetzt wurden."

Hubertus Mynarek, der als katholischer Priester und Theologieprofessor die Kirche bis hinauf in die obersten Ränge von innen kennt, schildert auch die kirchliche Judenverfolgung, die in direkter Linie zum Holocaust der Nazis weiterführt.

Es gehört zur ewigen Psychologie der Intoleranz, die eigenen Fehler den anderen in die Schuhe zu schieben: "Die heutigen Sektenjäger oder Neu-Inquisitoren beschuldigen die neuen religiösen Bewegungen gern der Zerreißung der Familienbande, der Entfremdung der Kinder von ihren Eltern. Wie wär’s, wenn sie sich daran erinnerten, dass unter Papst Paul IV. und seinen Nachfolgern jüdische Kinder zwangsweise zur Taufe geholt und zu Christen gemacht wurden und die Eltern, die sich dem widersetzten, vor das Inquisitionsgericht kamen?!"

Trotz der Grausamkeit und Immoralität ihrer Geschichte bis in das 20. Jahrhundert hinein haben es die Kirchen geschafft, heute "als die Institution in der Menschheit" zu erscheinen, "die über die allerhöchste moralische Autorität und Integrität verfügt." Mit Zitaten aus kirchlichen Lexika der Gegenwart belegt Mynarek, dass dies keineswegs eine "wunderbare Bekehrung" ist: "Die alte Inquisition ist noch nicht tot, denn die Perversion ihres Denkens spukt weiterhin in den Köpfen heutiger Theologen und Kirchenverteidiger herum."

Eifrige Nachfolger Luthers

Doch warum sind gerade lutherische "Sektenbeauftragte" so eifrig in der Verunglimpfung und Verketzerung neuer Glaubensbewegungen? Mynarek führt dies zum einen darauf zurück, dass "viele evangelische Theologen, auch viele Sektenbeauftragte unter ihnen, komplexbehaftet, desorientiert und frustriert sind. Es wurmt sie, dass die katholische Kirche, zu der nicht wenige von ihnen bewundernd aufschauen, sie nicht ernst nimmt, ihren liturgischen und amtlichen Status nicht anerkennt ... Man möchte so gern Kirche sein, weiß aber, dass man im Grunde nur eine abgeleitete Sekte, sozusagen die Abspaltung von einer Abspaltung ist ... Das alles nagt mächtig und giftig am Selbstwertgefühl evangelischer Geistlicher. Um so wütender diffamieren die Sektenbeauftragten unter ihnen die nichtkirchlichen Gruppierungen und Bewegungen als Sekten ..."

Zum anderen spielt das "Vorbild" des Reformators Martin Luther eine verhängnisvolle Rolle. Luther war nach Mynarek "nicht nur katholisch, sondern er war katholisch hoch zehn: er war mönchisch-katholisch." Der Reformator ließ andersgläubige Menschen mit mindestens ebensolcher Wut verfolgen wie katholische Inquisitoren.

Vor allem aber vertrat er ein Gottesbild, das den Menschen, der es tief in sich aufnimmt (und dies sind in erster Linie die Theologen), zutiefst verunsichern und zu aggressiven Verdrängungsreaktionen verleiten muss. Gott ist für Luther "erschrecklicher und gräulicher als der Teufel. Denn er handelt und gehet mit uns um mit Gewalt, plaget und martert uns und achtet unser nicht."

"Im Kern von Luthers Gottheit", stellt Mynarek fest, "liegt das Düstere, Dunkle, Gewalttätige, Jähzornige, Feurig-Triebhafte, Zügel- und Maßlose ... Selten hat ein Mensch seine eigene zügellose, triebhafte, grobe und gewalttätige Natur derart deutlich in seinen Gott projiziert wie Luther. ... Kein Wunder, dass Luthers Epigonen die Irrationalität in den Knochen steckt, die sie dann flugs in die ‘Sekten’ abzudrängen versuchen."

Luther und der "böse" Gott

In diesem Gottesbild hat das Böse in der Welt letztlich seinen Ursprung in Gott. Mynarek analysiert anhand von Aussagen einzelner Sektenbeauftragter, welche Auswirkungen dies hat. Der lutherische Pfarrer Behnk z. B. "drischt ... munter, beherzt und befreit wie einst Erzvater Luther auf die sog. Sekten ein, froh darüber, ... dass er alles Harte, Ungerechte, Grausame, Willkürliche und Irrationale jetzt von Luther weg - und auf die neuen nichtkirchlichen Bewegungen schieben kann."

Mynarek spricht von Luthers Menschenbild als von einer "abstrusen Lehre von der totalen Heillosigkeit, Sündhaftigkeit und ethischen Unfähigkeit des Menschen". Luthers Ausfälle gegen Bauern und Juden, die an Obszönität und Brutalität kaum zu überbieten sind, "drücken ... die Not einer manisch-depressiven Natur aus, die einen Zustand unerbittlich paranoider Bekämpfung eines fest bestimmten äußeren Feindes aufrechterhalten muss, um zu verhindern, dass sie sich selbst preisgibt ... Hier stehen wir tatsächlich vor dem Tatbestand einer krankhaften Obsession, einer Besessenheit, die dem älteren Luther immer mehr zu schaffen machte. ... Aber von Besessenheit im weiteren Sinn bei zahlreichen heutigen evangelischen Sektenbeauftragten darf wohl berechtigterweise gesprochen werden, wenn man sieht, wie die meisten von ihnen ununterbrochen und maßlos alles Negative, Perverse, Dämonische den sog. Sekten unterstellen und diese Unterstellungen gebetsmühlenartig in den Medien wiederholen. Auch sie halten wie Luther ein Feindbild mit allen Mitteln aufrecht ..."

Für Luther ist mit der gesamten menschlichen Natur auch die Vernunft total sündhaft verdorben. Lutherische Sektenbeauftragte brauchen sich also, wenn sie die Wahrheit verdrehen, "durch die Vernunft, durch vernünftige Wahrheitssuche, durch wirklichkeitsentsprechendes Erkennen nicht lenken, einschränken oder beeinträchtigen zu lassen."

Luther spricht dem Menschen den freien Willen ab - und seine Nachfolger werfen dann anderen Glaubensrichtungen vor, den freien Willen des Menschen einschränken zu wollen.

Eine Kirche, die dem Menschen einredet, er sei total verdorben und voller Bosheit, kann wohl nicht für sich in Anspruch nehmen, eine positive, auch den Staat und die Demokratie fördernde Botschaft zu verbreiten. Wenn sie sich dann auch noch zum Richter und "Experten" über andere Glaubensrichtungen aufspielt und sich vom Staat mit Milliardenbeträgen aushalten lässt, dann ist das Maß voll.

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Hubertus Mynarek, der als von der Kirche Verfemter die Methoden der modernen Inquisition am eigenen Leibe erfahren hat, stellt am Ende des Buches neun "goldene" Inquisitionsregeln auf. Das versierte und kenntnisreiche Buch ist ein Gewinn für alle, die das heutige Verhalten der Kirchen gegenüber religiösen Minderheiten verstehen und durchschauen wollen.

Hubertus Mynarek: DIE NEUE INQUISITION - Sektenjagd in Deutschland, S. 489, 18,00 € plus Versand; Schweiz: SFr 35,00;
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